Haben Sie Familie?“ – „Ja, ich bin verheiratet.“ – „Da ist gut so.
Nur mit der Freundin zusammenleben ist nicht gut. Wenn man das tut, gehören
beide getötet.“
Huch, wo bin ich hier hin geraten? Neben mir sitzt ein freundlich
lächelnder, väterliche Gutmütigkeit ausstrahlender älterer
Türke. Er erzählt mir, daß sein in Deutschland aufgewachsener
Sohn ihn eines Tages gefragt habe: „Papa, sind wir eigentlich katholisch
oder evangelisch?“ Da sei es dem Papa klar geworden, daß an der religiösen
Erziehung seiner Kinder etwas nicht stimme, worauf er seinen Sohn in die
Türkei geschickt habe, damit er dort eine islamische Erziehung erhalte.
Auch er selber habe sich wieder dem Islam zugewandt, den er so lange vernachlässigt
habe. Nun bete er zehn mal am Tag, um die vielen versäumten Gebete
wieder aufzuholen, damit der Engel, der die guten Taten notiert, endlich
mal mehr zu schreiben habe als der, der die schlechten notiert.
Eine kleine Unterhaltung am Rande des ersten deutschen Symposions
der Islamischen Gemeinschaft Jama’at un Nur e.V., der Gemeinschaft des
Lichtes, die am 4. und 5.12.1999 im "Haus der Geschichte" in Bonn abgehalten
wurde und den Namen „Said Nursi – eine zeitgenössische Annäherung
an das Verständnis des Islam“ trug. Bin ich denn dem Islam gegenüber
so negativ eingenommen, daß mir gerade dieses Gespräch im Gedächtnis
blieb, und daß ich es gar an den Beginn meines Artikels stelle? Nun,
die Eindrücke die ich Anfang Dezember letzten Jahres vom Islam bzw.
von Muslimen erhielt, waren tatsächlich nicht gerade dazu geeignet,
meine Zuneigung zu gewinnen. Man könnte natürlich auch sagen,
ein Religionswissenschaftler habe sich mit seinen Zu- und Abneigungen zurückzuhalten,
aber ich bin nun mal auch ein Mitglied der postmodernen, nachaufklärerischen
westeuropäischen Gesellschaft, an der es wahrhaftig viel zu kritisieren
gibt, deren – zumindest theoretisch vorhandene – Wertefundamente aber doch
mehr sind, als von einem Rechtsanwalt in einem verrauchten Zimmer erfundene
Menschenrechte, wie Ahmad Sharif von der libyschen Islamic Call Society
sie bewertete.
Ahmad Sharif war indes Redner auf einer anderen Konferenz, die den
Titel „Agenda 21: Gemeinsame Verantwortung für den Frieden / Islamic-Christian
Cooperation for Peace“ trug und am 6. und 7.12.1999 im Steigenberger Hotel
in Bad Neuenahr tagte. Er hatte viel Redezeit, denn - so wurde es unter
der Hand gemunkelt - Libyen habe die Tagung finanziert. Offizielle
Veranstalter waren indes der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland
und die World Conference on Religion and Peace / Weltkonferenz der Religionen
für den Frieden (WCRP). Abgesehen von den einleitenden Worten von
Klaus Lefringhausen von der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen hatte die
Tagung mit der Agenda 21 fast nichts zu tun, was der Islamwissenschaftler
Jamal Malik auch kritisch als „code switching“ analysierte.
Es waren zwei verschiedene Tagungen, doch beide hatten einen gemeinsamen
Tenor: Ein Großteil der muslimischen (man sollte „muslimisch“ sagen,
wenn man die menschliche Realität, und „islamisch“, wenn man die göttliche
Botschaft meint, erklärte einer der besagten Redner) Rednerinnen und
Red-ner forderte eine enge Zusammenarbeit von Juden, Christen und Muslimen,
um die gro-ßen Weltprobleme wie Umweltzerstörung, ungerechte
Verteilung der Reichtümer der Erde, Armut und Hunger, Kriege und Gottlosigkeit
zu lösen. Diese drei unterschiedlichen Religionen, die sich so oft
angefeindet hätten, sollten sich doch auf den gemeinsamen Stammvater
Abraham besinnen und seinem Gottesgehorsam nacheifern. So mancher Theist
mag meinen, das höre sich doch gut an. Doch die Angelegenheit hat
einen Haken: Der Kampf der guten Rebellen gegen das böse Imperium
braucht ein Feindbild. Und dieses liefern die anthropozentrische griechisch-römische
Denktradition, die Aufklärung, der Säkularismus. Das sind ja
noch sehr abstrakte Größen, noch nicht greifbar genug. Bediüzzaman
Said Nursi (1876-1960; Gründer der Jama’at-un Nur sowie muslimischer
Gelehrter, der zu beweisen versuchte, daß Koran und moderne Naturwissenschaft
sich nicht widersprechen, einen rationalen Zugang zum Glauben forderte
und mystische Erfahrungen als zu subjektiv ablehnte) hatte es noch einfach,
konkreter zu werden. Seine Feinde, so wurde auf dem Symposion erklärt,
waren das imperialistische Europa und die Kemalisten in der Türkei,
die ihm auch wahrhaftig das Leben schwer machten. Ahmad Sharif, der die
grüne (=islamische) Revolution Ghadafis lobte, machte es sich auch
nicht schwer mit der Konkretisierung des Feindbildes: die UNO und vor allem
die Weltbank. Es wurde konstatiert, daß die christlichen Kirchen
unschuldig seien an Kolonialismus und Imperialismus, sondern daß
die alleinige Schuld die moderne, areligiöse Geisteshaltung trage.
Die Rednerinnen und Redner waren aber nicht alle nur Abgeordnete
muslimischer Institutionen, sondern auch christliche und jüdische
Theologen, Religions- und Islamwissenschaftler und Politiker (die Namen
alle aufzuzählen würde hier zu viel Platz fordern, aber wen sie
interessieren, kann mich gerne danach fragen).
Der weltpolitische und weltwirtschaftliche Status quo wurde von
keinem der auf den beiden Tagungen Anwesenden gut geheißen. Alle
stimmten der Forderung zu, man solle sich auf die positiven Werte der religiösen
Traditionen besinnen, aber der einfachen Lösung, daß ein Schulterschluß
der drei abrahamitischen Religionen auch dem ungläubigen Rest der
Menschheit zum Segen gereichen werde, wurde doch von einigen eindeutig
widersprochen. So wies der Islamwissenschaftler Jamal Malik darauf hin,
daß Religionen von ihren Akteuren gemacht würden und nicht von
den Normen der Heiligen Schriften und der Traditionen, und die Religionswissenschaftlerin
Monika Tworuschka darauf, daß starke religiöse Überzeugungen
oft zu Fanatismus führten. Der katholische Theologe Hans Zirker sagte,
man dürfe die Agnostiker, die Atheisten, die Buddhisten und all die
anderen nicht ausschließen, wenn man fordere, selbst toleriert zu
werden.
Von Toleranz war viel die Rede, auch und gerade aus muslimischen
Mündern. Man pries die Zeit, da der Islam noch stark war, denn Stärke,
so sagte es Zaki Badawi vom Muslim College London, sei eine Grundvoraussetzung
der Toleranz. Man kritisierte aber auch die heutigen muslimischen Gesellschaften,
die weit entfernt seien von islamischen Werten: Es gebe superreiche und
bettelarme muslimische Staaten, und das dürfe nicht sein.
Aber wie sieht es mit der vor Ort praktizierten Toleranz aus? Uns
Gästen der Veranstaltungen ging es gut: Es wurde keine Tagungsgebühr
erhoben, Kost und (bei der Tagung in Bad Neuenahr) Logie waren frei, und
der Islamrat lädt ja auch sonst häufig interessante Gäste
als Referenten ein, die bekannt für ihre offenen Worte sind. Aber
am Abend des 6. Dezember ereignete sich doch ein... ja, nennen wir es ruhig
Skandal: Ein iranisches Ensemble führte auf der Bühne ein Sufi-Konzert
auf. Ich bemerkte, wie einige Leute während der Aufführung den
Raum verließen. Dann wurde das Konzert abgebrochen und man versuchte
die Ansagerin daran zu hindern, den Grund des Abbruches zu erklären.
Trotz ausgeschalteten Mikrophons rief sie ins Publikum, es sei der Name
Ali in dem Dhikr gesungen worden, das sei einer der Namen Gottes und wir
seien alle Brüder und Schwestern. Die offizielle Erklärung am
nächsten Tag war die, daß alle anwesenden ‘Ulama (muslimische
Gelehrte) aller Rechtsschulen, auch der schi’itischen, das Singen des Namens
Ali als Gotteslästerung empfunden hätten, und das habe man auf
einer islamischen Veranstaltung nicht hinnehmen können. Es sei so
ähnlich, wie wenn am heiligen Abend der Film „Jesu letzte Tage“ gezeigt
würde. Mittags beim Essen erklärte mir ein Mitglied des Zentralrats
der Muslime BW, es sei schon eigenartig in unserer Gesellschaft: Wer einen
Menschen beleidige, begehe eine Straftat, aber Gott könne man beleidigen,
ohne daß das irgendwie geahndet würde. Er ging aber auch davon
aus, daß es sich wohl um ein Mißverständnis gehandelt
habe.
Ich ergriff die Chance, einen Vertreter einer muslimischen Institution
sprechen zu kön-nen und fragte, warum denn keine Vertreter der Baha’í
eingeladen worden seien. Er sagte, über die Baha’í wisse er
fast nichts, und man könne doch auch nicht jede kleine Randgruppe
einladen. Mir schien sich hier jedoch eine Beobachtung zu bestätigen,
die Hans Zirker auf dem Said Nursi-Symposion (also dem in Bonn) geschildert
hat: Jede der drei abrahamitischen Religionen beschäftige sich sehr
intensiv mit der Vorgängerreligion, also das Christentum mit dem Judentum
und der Islam mit dem Christentum, aber kaum mit der Nachfolgereligion,
also das Judentum mit dem Christentum und das Christentum mit dem Islam,
denn die jeweilige Nachfolgereligion stelle ja den besonderen Anspruch
der Vorgängerin in Frage. Auf die Baha’í war er dabei gar nicht
eingegangen, aber da sie sich als Nachfolgereligion des Islam, als vierte
abrahamitische Religion versteht, kann man wohl verstehen, warum die Religion
des Siegels der Propheten ihre Vertreter nicht zum Dialog lädt. Aber
sollten Muslime nicht mit den Baha’í so umgehen, wie sie wollen,
daß die Christen und Juden mit ihnen umgehen?
Die Muslime, deren Reden ich zuhören durfte, sehen das anscheinend
anders: So wurde einmal vorgeschlagen, Muslime und Christen sollten sich
nicht mehr gegenseitig zu bekehren versuchen, sondern gemeinsam dem Rest
der Menschheit Gottes Wort verkünden. Ein anderes Mal hieß es,
der Koran lasse jedem Menschen die freie Wahl des Glaubens, und man dürfe
solche, die den Islam für sich ablehnen nicht gewaltsam bekämpfen,
es sei denn, sie vertreten ihre Meinung öffentlich.
Hier wurden meines Erachtens ganz zentrale Probleme des Dialoges
zwischen Muslimen und Nichtmuslimen offenbar. Wie frei darf der einzelne
Mensch sein, seine religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen
zu leben und öffentlich zu verkündigen? Wie tolerant darf oder
kann ein Muslim sein, wenn seine Mitmenschen öffentlich bekennen,
daß sie nicht an Muhammad als den letzten Propheten, an die göttliche
Offenbarung im Koran oder überhaupt nicht an Gott glauben? Wie frei
ist der einzelne Muslim und die einzelne Muslimin in seiner/ihrer eigenen
Entscheidungsfindung in religiösen Angelegenheiten ohne gesellschaftliche
Schwierigkeiten zu bekommen? Diese Probleme ergeben sich sicher in ähnlicher
Weise auch mit Gesprächspartnern anderer Provenienz und sicher auch
nicht mit allen Muslimen. Aber sie ergeben sich hier deutlich im Dialog
mit muslimischen Institutionen. Ich wünschte, mich würde jemand
vom Gegenteil überzeugen.
Ich habe meine Eindrücke von den beiden Tagungen zweifelsohne
keinesfalls unparteiisch wiedergegeben, und die Tagungen waren vielseitiger
und facettenreicher als es hier den Anschein hat, weshalb ich den Veranstaltern
(und Finanziers) danke, mich dazu eingeladen zu haben. Doch fühle
ich mich betroffen. Hier stießen teilweise wirklich Welten aufeinander,
und ich als Religionswissenschaftler befinde mich keinesfalls außerhalb
dieser Welten, sondern mittendrin. Die Beiträge der anwesenden Religions-
und Islamwissenschaftler zeigten auch sehr deutlich, wie wichtig, ja notwendig
der Beitrag unserer Disziplinen in diesem Dialog sind. Denn auch wenn wir
nicht auf unabhängigen Richterstühlen sitzen, so haben wir es
doch gelernt, unsere eigenen Standpunkte und die der anderen zu relativieren
und in historische, gesellschaftliche und psychologische Kontexte zu setzen.
Ich möchte hier einfach normativ behaupten, daß Dialog und Ökumene
keine Angelegenheiten sind, die nur die religiösen Institutionen angehen.
Sie erschöpfen sich weder im innerchristlichen oder innermuslimischen,
noch im innerabrahamitischen oder innertheistischen Rahmen, sondern gehen
alle Menschen an, egal welcher Religion oder Weltanschauung, welchem Welterklärungs-
oder Sinndeutungssystem sie ihr Leben anvertrauen, auch die Menschen, die
sich namentlich wissenschaftlich mit diesen Systemen auseinandersetzen.
Wir Religions- und verwandte Geistes- und Kulturwissen-schaftler sind gefragt,
uns zu beteiligen, bei aller Pluralität in unseren eignen Reihen.
Es müssen noch viele Brücken gebaut werden, ehe der bewohnte
Erdkreis, die Ökumene, wirklich eine Gemeinschaft ist.