Wurde ich auch darum gebeten, keinen meiner gewohnten, auf jeden
Vortrag eingehenden Tagungsbericht zu verfassen, so soll zumindest ein
kurzer in der SuS doch auch nicht ganz fehlen, zumal Tagungen, Symposien,
Kongresse, Konferenzen, Konvente keinen unerheblichen Teil des akademischen,
wissenschaftlichen Lebens ausmachen. So halte ich mich kurz, und da ich
nicht alle Referate und ihre Autoren behandeln kann, werde ich es ganz
allgemein und namenlos formulieren, damit sich niemand beschwert, warum
denn ein anderer, aber gerade nicht er oder sie selbst erwähnt wurde.
Eine Tagung besteht zumeist aus zwei Teilen: Vorträge und Gespräche.
Eine Tagung der DVRG (für Erstis: Deutsche Vereinigung für Religionsgeschichte)
beinhaltet zudem eine Mitgliederversammlung und Projektvorstellungen.
Man könnte eigentlich denken, daß Zeit und Raum physikalische
Größen sind, die das natürliche Leben des Menschen bestimmen
und somit lediglich unwandelbare Rahmenbedingungen menschlicher Kultur
und somit auch Religion bilden, doch lehrt eben auch schon die Physik,
daß sie weniger absolute, als viel mehr relative Größen,
und somit nicht nur Objekte menschlicher Rezeption, sondern auch Produkte
menschlicher Projektion - auf welcher Matrix auch immer - sind. Daß
die Frage „Welche Farbe hat Gott?“ eine religiöse ist, wird niemand
bestreiten, daß aber auch Fragen nach Raum und Zeit religiöse
sein können, zeigte schon die 1997er DVRG-Tagung in Mainz, in der
es um Kosmologien und Kosmogonien ging, aber eben auch die diesjährige
Tagung, zu der nach Tübingen geladen wurde.
Das Jahr 2000 christlicher, dem Dezimalsystem folgender Zeitrechnung
steht vor der Tür, und einige der 31 Vorträge behandelten Erwartungen
apokalyptischer Art, die mit diesem Datum verbunden sind. Sicher sind apokalyptische
Vorstellungen eher typisch für linear denkende Menschen, also z.B.
für idealtypische Juden, Christen und Muslime, aber auch in Japan
florieren Gemeinschaften, die vor dem drohenden Weltuntergang warnen und
in einer Mischung aus buddhistischen Erwartungen des Buddha Maitreya und
shintoistischen Aufrufen zur Hinwendung an eine natürliche, gesunde
Lebensweise die Menschen darauf vorbereiten oder z.B. mit Giftgas der Apokalypse
einen beschleunigenden Schub geben wollen. Unterschiedlich gesehen wird,
ob eine solche Endzeit wirklich endgültig oder eher der Wendepunkt
für eine Erneuerung ist. Im religiösen Kontext suchen jedenfalls
Menschen nach Möglichkeiten, diesem Ereignis richtig zu begegnen,
indem sie sich vor Katastrophen in Sicherheit bringen, in das gelobte Land
auswandern, sich in Gebet oder Meditation üben, terroristische Anschläge
ausüben oder sich selbst das Leben nehmen, um dadurch zu den Auserwählten
zu gehören. Gerade die beiden letzt genannten Optionen katapultieren
Religion aus dem privaten Bereich, in welchem sie seit der Aufklärung
zunehmend ein Nischendasein führt, in die politische Öffentlichkeit,
welche nach Experten sucht, die derartiges vorhersehen und verhindern können,
womit wir Religionswissenschafler(innen) uns aber doch überfordert
fühlen. Immerhin können wir manchmal hinterher erklären,
wieso es dazu kam.
Andere Vorträge behandelten religionsgeschichtliche Abläufe,
in denen eine Trendwende zu erkennen ist, so z.B. die Abkehr der Nachfahren
indischer Billiglohnarbeiter auf Trinidad von der Identifikation als Inder
mit Wohnsitz auf Trinidad und die Hinwendung zu der neuen Identität
als Bürger Trinidads mit indischer Herkunft und die damit verbundene
Veränderung ihrer hinduistischen Religiosität und z.B. die Veränderung
der Vorstellung nach Amerika ausgewanderter Puritaner, die Indianer seien
Nachfahren der zehn verlorenen Stämme Israels zu der Annahme, sie
seien Nachfahren der aus der Hölle kommenden Tartaren.
Eine Wendezeit erhofft sich auch die Religionspsychologie, die in
Deutschland derzeit zwischen den Stühlen Psychologie, Religionswissenschaft
und Theologie sitzt und auf keinem richtig Platz nehmen darf. Sie wäre
doch am ehesten geeignet, die Motivationen religiöser Menschen zu
erforschen, und so auch die Motivationen apokalyptischer Denker. Aber es
fehlt ihr die Lobby, somit das Geld und somit auch die Möglichkeit,
geeignete Methoden zu entwickeln und auszuprobieren, denn die drei genannten
Elternwissenschaften behandeln sie allenfalls stiefelterlich. Die Anwendung
psychoanalytischer Methoden und Begriffe auf religionswissenschaftliche
Fragestellungen wurde in einem Vortrag problematisiert und als sehr problematisch
dargestellt, da Menschen, die Objekte der Wissenschaft sind nunmal anders
mit den ihnen gestellten Fragen umgehen als solche, die als unter einem
Leidensdruck stehende Patienten einen Arzt aufsuchen. So ist es in unserm
Lande momentan noch ein Wunschtraum, das innere Seelenleben religiöser
Menschen zu erforschen, geschweige denn, basierend auf solchen Forschungsergebnissen
den Menschen das Coping (Suche nach Sinn, Bedeutung und Kontrolle in Belastungssituationen)
durch Vermittlung eines geeigneten Transzendenzbezuges zu erleichtern.
Lehrstühle für Religionspsychologie gibt es derzeit in den Benelux-Ländern,
in Skandinavien und in Nordamerika, aber nicht in Deutschland.
Auch die Religionswissenschaft im Allgemeinen wäre einer Wendezeit
oder zumindest einer Trendwende auf dem Markt der Berufsmöglichkeiten
nicht abgeneigt. Abgesehen von dem sog. Emmy-Noether-Programm der DFG (http://www.dfg.de),
nach welchem die Habilitation durch einen fünfjährigen Forschungsauftrag,
wovon zwei Jahre im Ausland verbracht werden sollen, ersetzt werden soll,
und einer Postdoktoranden- und drei Doktorandenstellen, die mit einem Projekt
zu Erforschung zoroastrischer Ritualistik verbunden ist, wurde als Möglichkeit
nur noch genannt, man könne doch als College-Lehrer für Religious
Studies in die USA gehen. Überhaupt solle man sich nicht nur in Europa
nach einen Job umsehen.
Was machen junge Religionswissenschaftler sonst so? Jetzt nenne
ich doch mal Namen: Markus Zanner M.A. aus Regensburg erforscht die Rezeptionsgeschichte
von Averoes (Ibn Rushd), Dr. Peter J. Bräunlein aus Bremen nimmt philippinische
Flagelations- und Kreuzigungsrituale unter die Lupe, Dr. Hans-Michael Haußig
aus Berlin erforscht das Judentum vor allem in Deutschland und im 19. Jh.,
und das Trio PD Dr. Max Deeg, Oliver Freiberger M.A. und Dr. Christoph
Kleine aus Bayreuth und Berlin hat den Arbeitskreis Asiatische Religionsgeschichte
(AKAR) ins Leben gerufen und sucht noch nach interessierten Mitstreiter(inne)n
(http://www.uni-bayreuth.de/departments/religionswissenschaft/akar.html).
Aber eigentlich sind die Gespräche am Rande der wichtigere
Part einer solchen Tagung. Und das ist der Grund, warum ich es jedem und
jeder Studierenden unseres Faches nur ans Herz legen kann, auch künftige
Tagungen zu besuchen. Man knüpft Kontakte zu prae- und postgraduierten
Kommiliton(inn)en, erfährt ihrer Arbeitsschwerpunkte und -interessen,
lernt die Professor(inn)en, die man sonst nur aus der Literatur kennt,
persönlich kennen, und bisweilen erwächst vielleicht sowas wie
eine Freundschaft oder zumindest eine gute Kameradschaft daraus, und man
freut sich auf die nächste Tagung, um sich wieder zu sehen. Stärker
als bei den Studierenden-Symposien ist auf solchen Tagungen aber auch eine
Anspannung zu spüren, die von oben erwähnter schlechter Berufslage
her rührt. Man referiert da eben nicht nur über ein interessantes
Thema, sondern spürt den Druck, sich profilieren zu müssen, denn
Jobs und Aufstiegsmöglichkeiten können von dem Eindruck abhängen,
den man dabei macht. Da bleibt Konkurrenzdenken nicht aus, gegenseitiges
Abschätzen und Beurteilen oder auch das Bestreben, in geselliger bier-
oder weinseliger Runde Bündnisse zu schließen.
Die nächste DVRG-Tagung im Jahre 2001 wird in Leipzig stattfinden.
Ich werde jedenfalls dahin fahren, so mir nicht zwischenzeitlich der Himmel
auf den Kopf gefallen sein wird.