"Endzeit, Wendezeit, neue Zeit"
-DVRG-Jahrestagung 7.-10.10.99 in Tübingen-
von Michael Schmiedel

Wurde ich auch darum gebeten, keinen meiner gewohnten, auf jeden Vortrag eingehenden Tagungsbericht zu verfassen, so soll zumindest ein kurzer in der SuS doch auch nicht ganz fehlen, zumal Tagungen, Symposien, Kongresse, Konferenzen, Konvente keinen unerheblichen Teil des akademischen, wissenschaftlichen Lebens ausmachen. So halte ich mich kurz, und da ich nicht alle Referate und ihre Autoren behandeln kann, werde ich es ganz allgemein und namenlos formulieren, damit sich niemand beschwert, warum denn ein anderer, aber gerade nicht er oder sie selbst erwähnt wurde.
Eine Tagung besteht zumeist aus zwei Teilen: Vorträge und Gespräche. Eine Tagung der DVRG (für Erstis: Deutsche Vereinigung für Religionsgeschichte) beinhaltet zudem eine Mitgliederversammlung und Projektvorstellungen.
Man könnte eigentlich denken, daß Zeit und Raum physikalische Größen sind, die das natürliche Leben des Menschen bestimmen und somit lediglich unwandelbare Rahmenbedingungen menschlicher Kultur und somit auch Religion bilden, doch lehrt eben auch schon die Physik, daß sie weniger absolute, als viel mehr relative Größen, und somit nicht nur Objekte menschlicher Rezeption, sondern auch Produkte menschlicher Projektion - auf welcher Matrix auch immer - sind. Daß die Frage „Welche Farbe hat Gott?“ eine religiöse ist, wird niemand bestreiten, daß aber auch Fragen nach Raum und Zeit religiöse sein können, zeigte schon die 1997er DVRG-Tagung in Mainz, in der es um Kosmologien und Kosmogonien ging, aber eben auch die diesjährige Tagung, zu der nach Tübingen geladen wurde.
Das Jahr 2000 christlicher, dem Dezimalsystem folgender Zeitrechnung steht vor der Tür, und einige der 31 Vorträge behandelten Erwartungen apokalyptischer Art, die mit diesem Datum verbunden sind. Sicher sind apokalyptische Vorstellungen eher typisch für linear denkende Menschen, also z.B. für idealtypische Juden, Christen und Muslime, aber auch in Japan florieren Gemeinschaften, die vor dem drohenden Weltuntergang warnen und in einer Mischung aus buddhistischen Erwartungen des Buddha Maitreya und shintoistischen Aufrufen zur Hinwendung an eine natürliche, gesunde Lebensweise die Menschen darauf vorbereiten oder z.B. mit Giftgas der Apokalypse einen beschleunigenden Schub geben wollen. Unterschiedlich gesehen wird, ob eine solche Endzeit wirklich endgültig oder eher der Wendepunkt für eine Erneuerung ist. Im religiösen Kontext suchen jedenfalls Menschen nach Möglichkeiten, diesem Ereignis richtig zu begegnen, indem sie sich vor Katastrophen in Sicherheit bringen, in das gelobte Land auswandern, sich in Gebet oder Meditation üben, terroristische Anschläge ausüben oder sich selbst das Leben nehmen, um dadurch zu den Auserwählten zu gehören. Gerade die beiden letzt genannten Optionen katapultieren Religion aus dem privaten Bereich, in welchem sie seit der Aufklärung zunehmend ein Nischendasein führt, in die politische Öffentlichkeit, welche nach Experten sucht, die derartiges vorhersehen und verhindern können, womit wir Religionswissenschafler(innen) uns aber doch überfordert fühlen. Immerhin können wir manchmal hinterher erklären, wieso es dazu kam.
Andere Vorträge behandelten religionsgeschichtliche Abläufe, in denen eine Trendwende zu erkennen ist, so z.B. die Abkehr der Nachfahren indischer Billiglohnarbeiter auf Trinidad von der Identifikation als Inder mit Wohnsitz auf Trinidad und die Hinwendung zu der neuen Identität als Bürger Trinidads mit indischer Herkunft und die damit verbundene Veränderung ihrer hinduistischen Religiosität und z.B. die Veränderung der Vorstellung nach Amerika ausgewanderter Puritaner, die Indianer seien Nachfahren der zehn verlorenen Stämme Israels zu der Annahme, sie seien Nachfahren der aus der Hölle kommenden Tartaren.
Eine Wendezeit erhofft sich auch die Religionspsychologie, die in Deutschland derzeit zwischen den Stühlen Psychologie, Religionswissenschaft und Theologie sitzt und auf keinem richtig Platz nehmen darf. Sie wäre doch am ehesten geeignet, die Motivationen religiöser Menschen zu erforschen, und so auch die Motivationen apokalyptischer Denker. Aber es fehlt ihr die Lobby, somit das Geld und somit auch die Möglichkeit, geeignete Methoden zu entwickeln und auszuprobieren, denn die drei genannten Elternwissenschaften behandeln sie allenfalls stiefelterlich. Die Anwendung psychoanalytischer Methoden und Begriffe auf religionswissenschaftliche Fragestellungen wurde in einem Vortrag problematisiert und als sehr problematisch dargestellt, da Menschen, die Objekte der Wissenschaft sind nunmal anders mit den ihnen gestellten Fragen umgehen als solche, die als unter einem Leidensdruck stehende Patienten einen Arzt aufsuchen. So ist es in unserm Lande momentan noch ein Wunschtraum, das innere Seelenleben religiöser Menschen zu erforschen, geschweige denn, basierend auf solchen Forschungsergebnissen den Menschen das Coping (Suche nach Sinn, Bedeutung und Kontrolle in Belastungssituationen) durch Vermittlung eines geeigneten Transzendenzbezuges zu erleichtern. Lehrstühle für Religionspsychologie gibt es derzeit in den Benelux-Ländern, in Skandinavien und in Nordamerika, aber nicht in Deutschland.
Auch die Religionswissenschaft im Allgemeinen wäre einer Wendezeit oder zumindest einer Trendwende auf dem Markt der Berufsmöglichkeiten nicht abgeneigt. Abgesehen von dem sog. Emmy-Noether-Programm der DFG (http://www.dfg.de), nach welchem die Habilitation durch einen fünfjährigen Forschungsauftrag, wovon zwei Jahre im Ausland verbracht werden sollen, ersetzt werden soll, und einer Postdoktoranden- und drei Doktorandenstellen, die mit einem Projekt zu Erforschung zoroastrischer Ritualistik verbunden ist, wurde als Möglichkeit nur noch genannt, man könne doch als College-Lehrer für Religious Studies in die USA gehen. Überhaupt solle man sich nicht nur in Europa nach einen Job umsehen.
Was machen junge Religionswissenschaftler sonst so? Jetzt nenne ich doch mal Namen: Markus Zanner M.A. aus Regensburg erforscht die Rezeptionsgeschichte von Averoes (Ibn Rushd), Dr. Peter J. Bräunlein aus Bremen nimmt philippinische Flagelations- und Kreuzigungsrituale unter die Lupe, Dr. Hans-Michael Haußig aus Berlin erforscht das Judentum vor allem in Deutschland und im 19. Jh., und das Trio PD Dr. Max Deeg, Oliver Freiberger M.A. und Dr. Christoph Kleine aus Bayreuth und Berlin hat den Arbeitskreis Asiatische Religionsgeschichte (AKAR) ins Leben gerufen und sucht noch nach interessierten Mitstreiter(inne)n (http://www.uni-bayreuth.de/departments/religionswissenschaft/akar.html).
Aber eigentlich sind die Gespräche am Rande der wichtigere Part einer solchen Tagung. Und das ist der Grund, warum ich es jedem und jeder Studierenden unseres Faches nur ans Herz legen kann, auch künftige Tagungen zu besuchen. Man knüpft Kontakte zu prae- und postgraduierten Kommiliton(inn)en, erfährt ihrer Arbeitsschwerpunkte und -interessen, lernt die Professor(inn)en, die man sonst nur aus der Literatur kennt, persönlich kennen, und bisweilen erwächst vielleicht sowas wie eine Freundschaft oder zumindest eine gute Kameradschaft daraus, und man freut sich auf die nächste Tagung, um sich wieder zu sehen. Stärker als bei den Studierenden-Symposien ist auf solchen Tagungen aber auch eine Anspannung zu spüren, die von oben erwähnter schlechter Berufslage her rührt. Man referiert da eben nicht nur über ein interessantes Thema, sondern spürt den Druck, sich profilieren zu müssen, denn Jobs und Aufstiegsmöglichkeiten können von dem Eindruck abhängen, den man dabei macht. Da bleibt Konkurrenzdenken nicht aus, gegenseitiges Abschätzen und Beurteilen oder auch das Bestreben, in geselliger bier- oder weinseliger Runde Bündnisse zu schließen.
Die nächste DVRG-Tagung im Jahre 2001 wird in Leipzig stattfinden. Ich werde jedenfalls dahin fahren, so mir nicht zwischenzeitlich der Himmel auf den Kopf gefallen sein wird.
 
 



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