30 Jahre ISKCON-Deutschland: Rückblick und Ausblickuch
Tagung im Stadtraum in Köln am 29. und 30.01.1999
von Michael A. Schmiedel
  • Am 29. und 30.1.1999 vermietete der "Stadtraum Köln: Das spirituelle Zentrum Mitten in der City", seinen großen Raum der International Society for Krishna Consciousness (ISKCON), die daselbst das 30-jährige Jubiläum ihrer Anwesenheit in Deutschland feierlich beging. Das Religionswissenschaftliche Seminar der Universität Bonn hatte im April 1998 eine Exkursion zum ISKCON-Tempel in Abentheuer gemacht (vgl. die Artikel von Alexandra Kraatz und Daniel Stender in SuS 3), und den Geschäftsführer von ISKCON-Deutschland Paul Augsburger im Rahmen von Prof. Hoheisels Hauptseminar "Mitgliederwerbung und Verbreitung ausgewählter religiöser Gruppen" eingeladen, wodurch das Augenmerk der Bonner VRW-Studierenden auf diese kleine Religionsgemeinschaft gelenkt wurde. So lenkten denn auch sechs derselben ihre Schritte in den Stadtraum, um Zeugen dieser Tagung zu werden. Ansonsten waren zwar 1500 Leute angeschrieben, aber nur ca. 35 gekommen. Es waren Sprecher der ISKCON, der beiden christlichen Großkirchen, kleinerer Religionsgemeinschaften und der VRW eingeladen, ihre Eindrücke von der ISKCON zu vermitteln und zur Diskussion zu stellen. Die Reden und Diskussionen kreisten u. a. um die Themen Entwicklung der ISKCON in den letzten Jahren, Integration der ISKCON in die deutsche Gesellschaft, interreligiöser Dialog und die Situation von Minderheitsreligionen in Deutschland. Nach der Begrüßung durch Gabriele Stoytan von der ISKCON-Deutschland, in welcher sie an die Tagung zum 25-jährigen Bestehen vor fünf Jahren in Wiesbaden erinnerte, las Peter Schmidt, Religionslehrer in Wiesbaden, der über "A. C. Bhaktivedanta Swami im interreligiösen Dialog" promoviert hat, in Vertretung für den erkrankten Klaus K. Klostermaier, Prof. für RW in Manitoba, dessen Rede vor. In dieser Festrede wurde die religionsgeschichtliche Herkunft der ISKCON aus dem Vishnuismus dargestellt. Dieser sei eine Herauskristallisierung einer monotheistischen Religion aus der Vielfalt indischer Religionen, die auf der Grundlage der Vishnu Puranas Vishnu als den einen Gott verehre. Die Bhagavad Gita nenne Krishna als wichtigsten Avatar Vishnus, und in Folge sei ein Tempelkult aufgekommen, der aus einer intensiven Bildverehrung bestehe und dessen Tempel Ziele von Millionen von Pilgern seien. Im 14.-16. Jh. habe sich eine große Rama- und Krishna-Frömmigkeit in Südindien in Mysterienspielen Ausdruck verschafft, in deren Folge Sri Caitanya Mahaprabhu (1486-1534) aufgetreten sei, der die Kultivierung menschlicher Gefühle und deren Instrumentalisierung für den Dienst an Gott gelehrt habe. In dieser geistigen Atmosphäre sei Swami Bhaktivedanta (1896-1977), aufgewachsen, der im Auftrag seines eigenen religiösen Lehrers die Tradition in den materialistischen Westen tragen sollte, dem es an Spiritualität fehle. Deswegen habe er sich 1966 nach New York begeben, nicht um eine neue Religion zu gründen, sondern um die alte Religion der Liebe Gottes zu verkünden, die eine Alternative zur intellektuellen Elite und auch zur sich in Exzessen auslebenden Popkultur der Hippies sein sollte. Als er nun vor allem von Hippies Zulauf erhalten habe, habe er deren Auftreten, vor allem ihren Drogenkonsum und ihre freie Liebe überhaupt nicht gemocht, sondern Hippies zu Happies machen wollen. So sei es zur Hare Krishna Bewegung im Westen gekommen, deren aggressives Missionieren aber bald die Bewegung diskreditiert habe. Das sei heute besser geworden, viele Hindus anderer Denominationen erkennen die Krishna-Tempel als Hindu-Tempel an, und viele theologische Lehren der ISKCON seien nicht sektiererisch, sondern allgemeingültig, und von der Lehre "Gott ist Liebe" könnten Christen einiges lernen. Diese Rede schien mir nun eher eine theologische Lobrede, als ein religionswissenschaftlicher Beitrag zu sein, aber das soll zu einem solchen Anlaß wohl erlaubt sein. Der zweite Redner war Reinhart Hummel, der ehem. Chef der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, der zwar im Ruhestand ist, aber im Einverständnis mit der EZW auftrat. Er sagte, man solle sich nicht nur pflegeleichte, sondern auch schwierige Dialogpartner aussuchen, so daß er gerne mit der ISKCON rede, und er lobte die ISKCON, daß sie so einen schwierigen Dialogpartner wie ihn eingeladen habe. Desweiteren lobte er die ISKCON dafür, daß sie seit der Wende 1994 die skandalösen Praktiken, derentwegen sie in Verruf geraten sei, wie Rekrutierungspraktiken an Jugendlichen ohne Wissen derer Eltern und der Umgang mit diesen Konvertiten und deren Eltern, mutig angepackt und größtenteils beseitigt habe. Allerdings sei es leichter, auf eine Sektenliste zu geraten, als wieder herunterzukommen, denn in den Medien herrschten pauschale Verdammungsurteile vor. In ihnen würde vieles durcheinander geworfen und längst Vergangenes immer wieder als Aktuelles verkauft. Im Gegensatz dazu habe der Materialdienst der EZW seit 1972, als Alfred Springfeld über den Hamburger ISKCON-Tempel geschrieben habe, bis zum Artikel Joachim Keden und Hansjörg Hemminger in Heft 1/98 eine differenziert-kritische Darstellung geübt und die Entwicklung der ISKCON verfolgt, wobei sie konsequent aus christlicher Sicht dazu Stellung bezogen habe. Er faßte einige EZW-Artikel von 1972, 1974, 1978, 1980, 1992, 1997 und 1998 zusammen. Anders seien einige "Einzelkämpfer" wie Friedrich Wilhelm Haack vorgegangen, die wegen ihrer einseitigen Polemik oft Ärger mit ihren vorgesetzten Dienststellen gehabt hätten, die aber von den säkularen Medien und Elterninitiativen immer wieder befragt und als Vertreter der Kirchen zitiert worden seien. Die Wende in der ISKCON sei dort noch gar nicht wahrgenommen worden, wohl weil man sie nicht wahrnehmen wolle. Hummel indes sagte zum Schluß: "Die Richtung des neuen Kurses verdient Zustimmung und Unterstützung." Alice Schumann, Vorsitzende der ISKCON-Deutschland, die wir im SS 1999 als Kommilitonin begrüßen dürfen, stellte in ihrem Vortrag dar, wie sich die ISKCON seit der Tagung 1994 in Wiesbaden verändert habe. So gehöre es der Vergangenheit an, daß Jugendliche ohne Zustimmung ihrer Eltern in einem Tempel aufgenommen würden, daß sie ihre Ausbildung abbrechen dürften, und man veranstalte regelmäßige Elterntreffen in den Tempeln unter Miteinbeziehung von kirchlichen Sektenbeauftragten und gebe eine spezielle Elternzeitschrift heraus. Frauen und Männer bezögen gleiche Positionen in der ISKCON. Dem "Guruismus" begegne man kritischer. Ein Guru sollte nur spiritueller Ratgeber sein, mehr nicht. Sie erwähnte den Fall Hari Kesha Vishnupadas, eines Gurus, der aus der ISKCON ausgetreten sei. Einige Anhänger dieses Gurus hätten daraus eine Verschwörungstheorie gebastelt und mit Selbstmord gedroht, diesen aber nicht ausgeführt. Die "Enquete-Kommission sogenannte Sekten und Psychogruppen" habe zusätzlich innere Kontroversen in der ISKCON hervorgerufen, besonders, als erstere zu einer Anhörung eingeladen habe. Man sei mit der Darstellung im Endbericht der Enquete-Kommission zufrieden, doch sei der Anti-Propaganda in Presse und Bevölkerung dadurch noch kein Ende gesetzt. Notwendig sei deshalb ein offener Dialog mit sämtlichen Vertretern und Gruppen der Gesellschaft. Jürgen Stein, Doktorand bei Edmund Weber, der Prof. für Theologie und VRW in Frankfurt und Herausgeber von "Krishna im Westen" ist, las den Vortrag seines ebenfalls wegen Erkrankung fehlenden Doktorvaters vor. Darin hieß es, ein gelungener Synkretismus sei der beste Garant gesellschaftlichen Friedens, und deshalb von allen Fanatikern gehaßt. Es wurde eine funktionale Verortung der ISKCON als gesamtgesellschaftlicher Faktor eines ständig fließenden Gestaltungsprozesses vorgenommen. Mit besonderem Augenmerk auf der Puja, dem Priestertum, der persönlichen Frömmigkeit und dem Guruamt legte Weber dar, wie die ISKCON eine Lücke fülle, die die christlichen Kirchen offen ließen. Während die Kirchen unter Entvolkskirchlichung und Versektung, sowie einer Anthropozentrierung und Enttheozentrierung litten, pflege die ISKCON einen Tempeldienst, bei dem Gott symbolisch die Ehre gegeben würde, ein allgemeines Priestertum aller Gläubigen, eine tiefe persönliche Frömmigkeit und ein Guruwesen, bei dem der Guru als Assistent der Adepten bei der Entdeckung des höheren Selbst diene. Er wünschte sich, daß die ISKCON diese selbstgesetzten Ideale auch verwirkliche, auch Frauen zum Guruamt zulasse, und forderte alle Theisten dazu auf, sich als Religionsverwandte anzuerkennen. Werner Höbsch, Leiter der kath. Abt. Familien- und Jugendseelsorge des Erzbistums Köln, sagte, zu ihm kämen Leute mit konkreten Problemen, u.a. mit "Sekten". "Sekten" würden aber häufig erst von ihren Kritikern zu solchen gemacht. Er verglich die heutige Situation mit der Athens zu der Zeit, als Paulus auf dem Areopag redete. Das Christentum sei damals in der Situation gewesen, wie die Neuen Religiösen Bewegungen (NRB) heute hier. Paulus habe die anderen Religionen nicht pauschal verurteilt, sondern gesagt: "Keiner von uns ist Gott fern." So sei es Höbsch wichtig, nicht nur mit den Menschen zu reden, die mit Problemen zu ihm kämen, sondern auch mit den Gemeinschaften, mit denen sie Probleme hätten. Oft könnten Probleme durch Dialog zwischen ihm, den Eltern eines Jugendlichen, dem Jugendlichen selber und Vertretern der betreffenden Religionsgemeinschaft gelöst werden. Den vom II. Vatikanum und vom Papst geforderten Dialog müsse man mit allen Religionen führen. Die Frage, ob die ISKCON gefährlich sei, beantwortete er so: Alles, was den Menschen unbedingt angehe, so auch die Liebe, sei gefährlich. Und eine Religion, die zur Umkehr von den Werten unserer materialistischen Gesellschaft aufriefe, sei eben für diese Gesellschaft gefährlich. Er wünsche sich, daß das Christentum auch wieder gefährlicher werde. William Deadwyler von der ISKCON-USA legte das Bestreben der ISKCON dar, die materialistische Gesellschaft in eine spirituelle zu verwandeln. Eine solche Gesellschaft sei in die vier Varnas eingeteilt, in Denkende, Schützende, Produzierende und Dienstleistende, womit aber nicht die klassische hinduistische Kastengesellschaft gemeint sei, denn die Varnas seien nicht eine Frage der Geburt, sondern der Gemütsverfassung. Ein Brahmane müsse sich z. B. in der Gemütsverfassung der Güte befinden. Prabhupada habe das vorgehabt, als er die Hippies in Happies verwandeln wollte, was aber nicht so leicht durchzuführen gewesen sei, wie dieser sich das vorgestellt habe. Der Ire Saunaka Rsi Das, Leiter des Oxford Centers for Vaishnava- and Hindu-Studies, sagte, die ISKCON respektiere alle Religionen, die Gott lieben und auf heiligen Schriften basieren. Der Feind seien nicht andere Religionen, sondern der Atheismus. Prabhupada habe sich ein friedliches Miteinander aller Religionen gewünscht und keine Proselytenmacherei. Der Missionsauftrag der ISKCON liege deshalb im Dialog, der helfe, den Glauben zu stärken. Aus der Bhagavad Gita könne man die Prinzipien des Dialogs heraus lesen: Gnade, Ehrlichkeit, Respekt, Toleranz, persönliche Realisierung der Lehre, persönliches Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen, sowie gutes Benehmen. Die Podiumsdiskussion zum Abschluß des Freitags, an der auch Angelika Köster-Loßack und Jürgen Eiben, die bei besagter Enquete-Kommission mitwirkten, und Herr Huth von der EZW Hessen-Nassau, beteiligt waren, warf noch einige Themen auf, z. B. die Folgen des Enquete-Endberichtes (Köster-Loßack sagte, staatlicherseits könne da keine Maßnahme mehr erfolgen, aber sie bemühe sich, die Ergebnisse in die öffentliche Diskussion zu tragen), den konkreten Fall eines Vaters, der sich darüber beschwerte, daß sein erwachsener Sohn, der ISKCON-Devotee sei, lieber chante als zu arbeiten und kein Fleisch mehr esse, die Absicherung von aus der ISKCON Ausgetretenen (Schumann sagte, es stehe jedem frei, eine Lebens- und Rentenversicherung abzuschließen) und der sog. "Berliner Dialog" [vgl. Spirita 1/98, S. 17-20] (Hummel sagte, dieser sei ein Unternehmen von schon erwähnten "Einzelkämpfern", das sehr von der EZW kritisiert werde, die den "Sekten"-Begriff aus der Diskussion nehmen wolle). Interessant fand ich auch Jürgen Eibens Äußerung, man solle keine Frontstellung Theisten-Atheisten betreiben, da es so viele Atheisten gar nicht gebe und sich nur ca. 20% der Bevölkerung von dieser Fragestellung angesprochen fühlten, sondern viel mehr eine religiöse Gleichgültigkeit vieler Menschen, für die die strikte Religiosität z. B. in der ISKCON eine starke Zumutung darstelle. Die Religionsgemeinschaften sollten sich überlegen, wieviel sie der Gesellschaft zumuten können und wieviel Konfliktpotential durch Abmilderung dieser Zumutungen zu beseitigen sei. Hummel und Höbsch betonten beide nochmal, daß die schlimme Scharfmacherei gegen "Sekten" nicht von den Kirchen ausgehe, sondern von den säkularen Medien. Eiben meinte dazu, "Sekte" habe eben einen großen Marktwert, jeder meine zu wissen, was das sei, wenn man aber nachfrage, wüßten die meisten herzlich wenig darüber. Der Samstag brachte Vertretern verschiedener in Deutschland ansässiger kleinerer Religionsgemeinschaften die Möglichkeit, darüber zu sprechen, wie sie sich in der deutschen Gesellschaft sähen, inwiefern sie sich auf die deutsche Gesellschaft einstellen und diese sich umgekehrt auf die Religionsgemeinschaften. Der Moderator Martin Mittwede, PD der VRW in Frankfurt a. M., sagte zu Anfang, das Besondere an der Situation sei, daß sich hier Religionsgemeinschaften in der Minderheit befänden, die in anderen Kulturen z. T. die Mehrheit bildeten. Amir Zaidam, Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft in Hessen, schilderte, daß der Islam zuerst durch arbeitssuchende Migranten nach Deutschland gekommen sei, die kein Interesse an einer Integration in die deutsche Gesellschaft gehabt hätten, da sie nur für wenige Jahre hätten bleiben wollen. Mittlerweile lebe hier aber die zweite und dritte Generation, und das Integrationsbestreben sei groß geworden. Dazu sei es notwendig, Organisationen zu schaffen, die sich mit dem Leben der Muslime hier befassen und nicht mit den Heimatländern der ersten Generation. Die Moscheegemeinden seien noch zu sehr ethnisch aufgeteilt, aber der Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Islamrat, sowie die Islamische Religionsgemeinschaft in Hessen bemühten sich um eine Eindeutschung des Islam. Themen wie der islamische Religionsunterricht in deutscher Sprache, Gefangenen- und Krankenseelsorge, Öffentlichkeitsarbeit seien da zentral. Die Islamische Religionsgemeinschaft in Hessen bringe auch eine deutschsprachige Zeitung heraus: Das Freitagsblatt. Die deutsche Gesellschaft sei mit der neuen Pluralität überfordert und verstehe den nominell säkularen Staat immer noch als christlichen oder zumindest als Hüter des Christentums. Eine Bewußtseinsänderung sei notwendig, dazu aber auch Offenheit, Ehrlichkeit und Kooperationswillen auf beiden Seiten. Auf zum Islam konvertierte Deutsche ging er nicht ein. Saunaka Rsi Das sprach für die Vaishnava-Religion und sagte, Hindus begäben sich selbst in eine Ghetto-Situation, indem sie versuchten, möglichst ohne Reibung in der fremden Gesellschaft zu leben. Am öffentlichen Leben und der Politik seien sie sowohl in Irland und Großbritannien, als auch in Deutschland kaum beteiligt. Die zweite Generation der indischen Migranten verstehe sich als deutsche, britische usw. Hindus, aber die europäischen Gesellschaften seien für die notwendige Multikulturalität noch nicht wirklich reif. Er als Konvertit habe es auch nicht einfach, anerkannt zu werden. Sein Großvater habe für die Freiheit Irlands von Britannien gekämpft, aber man habe ihm nie gesagt, daß sein Enkel ein hinduistischer und kein christlicher Mönch sei, denn diesen Part an der irischen Freiheit hätte er seinem Enkel nicht zugestanden. Deutsche seien sehr stolz auf ihre Demokratie, aber wahre Demokratie müsse auch volle Akzeptanz von Minderheitsreligionen beinhalten. Werner Heidenreich, Schüler von Thich Nhat Hanh, dem brühmten vietnamesichen Zen-Mönch, und Leiter des Stadtraums und somit Gastgeber der Veranstaltung, sprach für den Buddhismus. Der Stadtraum sei ein buddhistisches Zentrum, das für viele andere spirituelle Richtungen genauso offen stehe. Toleranz und Dialogbereitschaft seien grundsätzliche buddhistische Inhalte, neu sei allerdings, daß man auch andere Religionen, so das Christentum, zur Belebung der eigenen Praxis inspiriere. Anders als der Islam sei der Buddhismus keine Migrantenreligion, sondern sei von Westlern durch literarische Beschäftigung entdeckt oder von Asienreisen mit nach Hause geholt worden. Er sei im Stillen gewachsen, habe dabei mehrere Phasen durchgemacht, und heute hätten sowohl westliche Lehrer, die in Asien gelernt hätten, als auch asiatische Lehrer auf Tournee durch den Westen viel Zulauf. Dabei sei der westliche Buddhismus so vielfältig wie seine asiatischen Heimatkulturen und -schulen. Nach zeitweiliger Idealisierung der Religion, dessen Vertreter immer lächelten, komme nun auch eine kritischere Auseinandersetzung mit politischen Implikationen in asiatischen Ländern auf. Asiatische Migranten mit eigenen buddhistischen Zentren und Gemeinschaften gebe es zwar auch, aber sie fielen kaum in der Öffentlichkeit auf. Der deutsche und europäische Buddhismus sei indes in der Deutschen und der Europäischen Buddhistischen Union (DBU und EBU) sehr fruchtbar und aktiv, und Lehrer wie Bernard Glassman Roshi und Claude Anshin Thomas seien sehr aktiv in buddhistischer Friedens- und Sozialarbeit. Luisette Shafizadeh von der Baha'í-Gemeinde Bergisch Gladbach erzählte vom Bestreben Baha'u'llahs, die Menschheit zu vereinen, ohne sie gleichzumachen. Weltweit seien die Baha'í in 2000 ethnischen Gruppen vertreten, die primären Offenbarungsschriften Baha'u'llahs seien in viele Sprachen übersetzt, so daß es nirgends kulturelle oder Integrationsprobleme gebe. Im Ursprungsland Iran indes würden sie verfolgt. Alle anderen Religionen würden von den Baha'í anerkannt und respektiert. Man dürfe sich erst mit 21 Jahren entscheiden, ein Baha'í oder sonstwas zu werden, so daß es keine Bevormundung von Jugendlichen gebe. Anschließend folgte noch eine Podiumsdiskussion, der ich leider nicht mehr beiwohnen konnte. Mein Eindruck von der Veranstaltung: Eine kleine Religionsgemeinschaft, die weniger aus Migranten als aus Konvertiten besteht, bemüht sich redlich, ihr teils selbst- teils fremdverschuldetes schlechtes Image aufzubessern und sich in der deutschen Gesellschaft zu etablieren. Die anwesenden Vertreter der christlichen Kirchen und der kleineren Religionsgemeinschaften äußerten sich wohlwollend und dialoginteressiert. Alice Schumann wird es nicht müde, für die ISKCON in der Öffentlichkeit aufzutreten. So traf ich sie auf dem Deutschen Katholikentag in Mainz und auf Veranstaltungen des World Council for Religion and Peace (WCRP), die auch im Stadtraum stattfanden. Es ist sicherlich nicht ganz auszuschließen, daß Mitglieder austreten wollen und Abnabelungsprobleme haben oder daß Konflikte zwischen Mitgliedern und deren Eltern bestehen bleiben, aber diese Probleme dürften keine ISKCON-spezifischen sein, ja noch nicht mal NRB-spezifische, sondern kommen in zwischenmenschlichen Beziehungen immer wieder vor. Den verzerrenden Darstellungen in den Medien wird man nur dann begegnen können, wenn die verantwortlichen Journalisten, Redakteure usw. das wollen. Die VRW kann dazu viel beitragen, ohne sich zur Sprecherin einer Religionsgemeinschaft zu machen. Dazu müssen wir uns aber Gehör verschaffen, also Öffentlichkeitsarbeit leisten. Gleichzeitig müssen wir die gegenwärtigen religiösen Bewegungen im Auge behalten, sie erforschen und ihnen den Spiegel vorhalten, zwecks Ermunterung zur kritischen Reflexion. So kann die VRW moderierend und katalysierend am interreligiösen und intragesellschaftlichen Dialog mitwirken. Eine Veröffentlichung der Redebeiträge durch die ISKCON ist geplant und ein Exemplar fürs Seminar schon bestellt. (Vgl. auch den Artikel zur Tagung von R. Hummel im Materialdienst der EZW 4/99)



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