Dialog zwischen Wissenschaft und Religion
-Runder Tisch für Religionswissenschaftler und Buddhisten-
von Michael A. Schmiedel

Vom Dialog der Religionen ist viel die Rede, nicht nur bezüglich der gleichnamigen Zeitschrift, aber vom Dialog zwischen der Vergleichenden Religionswissenschaft und den Religionen weniger. Warum sollten sich auch Wissenschaftler mit ihrem Forschungsobjekt anders als untersuchend und beschreibend beschäftigen? Ist damit gemeint, Religionswissenschaftler sollen sich mit Religiösen unterhalten, wie Konrad Lorenz mit den Graugänsen? Wieso sollten wir denn mit Gläubigen oder Praktizierenden über Religion sprechen, wenn es sich nicht entweder um einen Vortrag handelt, in dem wir ihnen endlich mal objektive Informationen über ihre Religion mitteilen oder um Interviews, in denen wir ihnen ihre subjektiven Ansichten zwecks wissenschaftlicher Verarbeitung aus der Nase ziehen? Sind wir denn nicht diejenigen, die wissen, und die Religiösen die, die bloß glauben?

In SuS Nr.4 ist auf Seite 19 eine Lesermeinung abgedruckt, die eigentlich nur ein Teil einer Email ist. Die Autorin der Email, Regine Leisner, ist Ratsmitglied der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) und Hauptredakteurin der Lotusblätter - Zeitschrift für Buddhismus und Chökor - Tibetischer Buddhismus im Westen Die abgedruckte Lesermeinung zeigt eine sehr kritische Einstellung gegenüber der VRW: "Es will mir scheinen, als wäre es einfach ein Unding, die beiden Substantive Religion und Wissenschaft überhaupt zu einem Begriff ‚zusammenzuvergewaltigen'. Das Wesentliche an der Religion ist das Intuitive und Numinose, oder wie auch immer man das nennen will. Das Wesentlich an der Wissenschaft ist ein rationaler Zugang zum Studienobjekt." Desweiteren kritisiert sie die religionswissenschaftlicher Herangehensweise an religiöse Gemeinschaften als "ratloses Herumstochern in Formen und deren Erscheinungen, ohne Zugang zu dem, was das innere Anliegen einer solchen Gruppe ausmacht." Der redaktionellen Kürzung vielen leider andere Stellen der Email zum Opfer. Regine Leisner schrieb nämlich auch noch: "Fazit? Vielleicht fehlt es an geeigneten Formen des Dialogs zwischen religiös Praktizierenden und den sogenannten Religionswissenschaftlern - trotz allen guten Willens. Ich habe ja immer wieder mal miterlebt, daß dialogwillige Religionswissenschaftler uns in unserem buddhistischen Zentrum besucht haben. Bisher fand ich solche Veranstaltungen - trotz Beteuerung des Nutzens von allen Seiten - immer unbefriedigend. Es gibt kein Gleichgewicht. Das wäre erst erreicht, wenn nicht nur die Motive und das Verhalten der religiös Praktizierenden Gegenstand der offenen Erörterung wären, sondern auch die Motive und das Verhalten der Religionswissenschaftler; Dialog auf Gegenseitigkeit, nicht wie bisher, einseitig zu Studienzwecken (dabei fühlt man sich ein bißchen wie im Zoo - siehe Abent(h)euer!)."

Hier spricht sie deutlich an, welchen Stellenwert Religionswissenschaft eigentlich hat. Es ist nämlich nicht so, daß wir auf einem Stuhl sitzen, von dem aus wir alles, was in den Religionen so vor sich geht, unvoreingenommen und objektiv beobachten und beurteilen könnten. Sondern wir Religionswissenschaftler sind Menschen, die auch eine religiöse Dimension haben, und sollte diese fehlen, dann hat dies einen biographischen Grund, und unser Interesse für unser Fach ist doch zumindest in den meisten Fällen durch eine starke Sym- oder aber Antipathie für Religion als ganzes oder einzelne Religionen oder religiöse Phänomene bestimmt. Und die religiös Praktizierenden oder Gläubigen sind nicht nur Objekte unserer Forschungen, sondern auch Rezipienten unserer Forschungsergebnisse, also Kunden unserer Zunft und Konsumenten unserer Produkte. Und als solche sind sie auch Kritiker, genau wie wir unsere Forschung in den Dienst einer Religionskritik stellen können. Des weiteren sind wir Menschen, die zusammen auf einem Planeten wohnen und die Probleme des Daseins irgendwie gemeinsam lösen müssen. Das alles sind genug Gründe, warum wir uns miteinander über Religion und Wissenschaft und das Leben überhaupt unterhalten müssen. Erst die Gesamtheit aller möglichen Perspektiven, kann ein objektives Bild ergeben. Deshalb haben sich Daniel Stender und Regine Leisner verabredet, sich im Laufe des Sommers zu treffen und sich zusammen mit weiteren Beteiligten an einem "runden Tisch" zusammenzusetzen. Dabei soll dann über die unterschiedlichen Wahrnehmungen gesprochen werden, und vielleicht gelingt so etwas wie ein Synopse. Die Zeitschriften Sakrament & Sakrileg und Lotusblätter werden vielleicht auch als Foren des Dialogs dienen, und tun dies eigentlich ja schon. In den Lotusblättern bin ich schon einige Male zu Wort gekommen, und auch namhafte Vertreter unseres Faches wie Martin Baumann sind darin Vertreten. Leider haben wir nur ein Heft (3/95) davon in der Seminarsbibliothek, aber speziell in diesem Exemplar zum Thema "40 Jahre DBU - Buddhismus in Deutschland" können geneigte Leser sich gut über die DBU informieren.

Ich merke es auch bei meiner Studie über Buddhismus in Bonn, bei der ich ständig mit verschiedenen Menschen zu tun habe, die ihre religiöse Praxis und mein wissenschaftliches Interesse mit unterschiedlich kritischen Augen betrachten, wie wichtig eine gegenseitige Verständigung ist. Und ähnlich geht es bei Gesprächen mit Anhängern gleich welcher Religion und natürlich auch mit Synkretisten, Eklektikern, Atheisten und Agnostikern gleich welcher Couleur. Wer Interesse hat, sich an dem Treffen zu beteiligen, wende sich an Daniel oder mich, und wer weitere interessierte Dialogpartner kennt, egal ob "Krishnas" oder "Katholen", Sufis oder Asatruar oder aber auch Scientisten oder Anthroposophen, sei herzlich eingeladen, selbige mal mitzubringen. (P.S. Frau Leisner hatte sich beschwert, daß wir ihren schließenden Nachsatz: "Nichts für ungut, ich wollte niemanden zu nahe treten" redaktionell verschlampt hatten. - d.Editor)



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