Im Sommer 1991 stöberte ich in einer Tübinger Buchhandlung und entdeckte einen Stapel gelber Hefte, die den verheißungsvollen Titel Dialog der Religionen trugen. Es waren kostenlose Probenummern und dabei war auch die Nr. 1/91 dieser Zeitschrift, mit dem Untertitel: "Durchbrüche: Ereignisse, Probleme, Perspektiven der interreligiösen Begegnung". Ich nahm mir mehrere der Hefte mit und verteilte sie sofort im Anschluß an einige Freunde, mit denen ich zum Stocherkahnfahren auf dem Neckar verabredet war, und die regelmäßige Teilnehmer eines Bibelkreises waren, an welchem ich auch des öfteren teilnahm, der mir aber zunehmend zu evangelikal zu sein schien.[Das ist ja alles hochinteressant! Anm. d. Red.] So dachte ich mir, diese Zeitschrift sei das Richtige für sie, denn mich trieb ein nahezu missionarischer Eifer an, religiösen Menschen zu einem Blick über den Tellerrand der eigenen Religion zu verhelfen. Ihr Interesse indes war nicht so groß, wie von mir erhofft. Ich hingegen abonnierte sofort diese neue Zeitschrift und war überzeugt, daß sie zukunftsweisend für die Entwicklung des religiösen Lebens der Menschheit war. Dialog der Religionen wurde herausgegeben von Michael von Brück, Abdoljavad Falaturi, Albert H. Friedlander, Paul F. Knitter, Loden Sherap Dagyab Rinpoche, Reinhard Neudecker SJ, Heinrich Ott, Shivacharya Shivamurti und Heinrich von Stietencron und redigiert von Regina von Brück, erschien zwei mal im Jahr beim Christian Kaiser Verlag und kostete anfangs DM 51,50 pro Jahr bzw. DM 39,50 für Studierende und Auszubildende. Jedes Heft hatte mindestens 112 Seiten und teilte sich auf in Hauptartikel zu einem heftspezifischen Thema, Buchbesprechungen, Literaturanzeiger, Berichte von Tagungen und anderen thematisch interessanten Ereignissen, sowie kurz notierten Ereignissen, die entweder schon passé waren oder noch bevor standen.
Von 1991 bis 1998 erschienen 16 Hefte mit den Themen: "Durchbrüche..." (s. o.), "Pluralismus und Identität im Dialog der Religionen", "Meditation", "Frauen verändern Religion", "Verstehen des Fremden, Wahrheit und Toleranz", "Mensch und Natur", "Fundamentalismus", "Europäische Einheit und Pluralität der Religionen", "Sprache im Dialog", "Säkularisierung und religiöse Erneuerung", "Ist Mystik Weltflucht?", "Religion und Gewalt", "Meister und Schüler", "In einer fremden Welt, Religiöse Identität im Konflikt", "Leben manipulieren? Personale Würde und technologischer Zugriff" und "Staat und Religion im Umbruch".
Sehr bestürzt war ich, als ich erfuhr, daß 2/98 das letzte Heft war. Was war passiert? Exakte Informationen dazu habe ich auch nicht. Der Hauptgrund liegt wohl darin, daß der Christian Kaiser Verlag vom Gütersloher Verlagshaus aufgekauft wurde, und dieser sehr daran interessiert ist, Gewinne zu machen. Doch trotz des im Laufe der Jahre auf DM 72,- bzw. DM 56,- pro Jahr gestiegenen Abonnementpreises brachte die Zeitschrift anscheinend rote Zahlen, und dies, obwohl sie auf (meines Wissens) ehrenamtlicher Arbeit beruhte. Noch Anfang 1998 war davon die Rede, das Konzept zu verändern, mehr als zwei Hefte im Jahr herauszubringen, den Inhalt etwas mehr auch für Nichtfachleute zugänglich zu gestalten, und freie Mitarbeiter in Dienst zu nehmen. Ich selber machte mir da Hoffnungen für die Zeit nach dem Magister. Eine Änderung des Konzepts wäre auch bestimmt notwendig gewesen, denn so, wie sich die Zeitschrift gab, war sie nur für solche Leser geeignet, die sich wirklich brennend für den interreligiösen Dialog interessierten und bereit waren, relativ viel Geld dafür auszugeben. Andererseits hätte man aber auch etwas mehr Werbung machen können, Institute anschreiben, Beilagen in andere Zeitschriften legen usw. Ich habe immerhin etwas Schleichwerbung gemacht, indem während meiner Zeit im Fachschaftsrat mein fotografisches Konterfei am Fachschaftsbrett ein Dialog der Religionen-Heft in Händen hielt. Aber nur einmal kam jemand und fragte, ob wir die Zeitschrift in der Bibliothek hätten, was leider nicht der Fall war. Wer sie lesen will, findet sie aber bei den evangelischen Theologen. Dort kann man dann übrigens auch in Heft 2/98 den in der SuS Nr.2 u. 3 von mir erwähnten Bericht von Martin Baumann über die REMID-Tagung "Streitfall Neue Religionen" finden. Ich konnte insgesamt auch drei Tagungsberichte in Dialog der Religionen 2/97 und 2/98 unterbringen, und muß sagen, daß mir die Arbeit für solche Zeitschriften - wie auch die hier vorliegende - Spaß macht. [Das freut uns. Anm. d. Red.]
Hansjürgen Meurer vom Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus schrieb, es sei "trotz wiederholter intensivster Bemühungen leider nicht gelungen, die Anzahl der Abonnenten zu gewinnen, die erforderlich wäre, um die Zeitschrift mittel- und langfristig finanziell abzusichern" (Heft 2/98, S. 130). Das sollte mal der Bild-Zeitung passieren! Finanzielle Absicherung ist wichtig, weshalb auch die Sakrament & Sakrileg teuerer werden mußte, aber wir haben ja zum Glück Rückendeckung durch die Fachschaftsgelder. Aber eigentlich kann ich mir nicht denken, das ein Verlag wie Bertelsmann sich nicht ein idealistisches Steckenpferd leisten könnte. Denn was nützt alle Gewinnmaximierung, wenn man keine Ideale mehr hat, die man mit den Gewinnen finanzieren könnte? Uns VRW-Studierenden kann man mangelnden Idealismus wohl kaum nachsagen, eher schon mangelnden Sinn für's Wirtschaftliche. Und den Verlagen geht's wohl umgekehrt. Da müssen wir irgendwie zusammen kommen.
Mit Dialog der Religionen geht nach nunmehr 8 Jahren ein Experiment zu Ende. Religionswissenschaftler und Theologen oder andere religiöse Gelehrte hatten sich zusammen getan, um für eine zugleich religiöse und wissenschaftliche Vision zu arbeiten: Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser oder weltanschaulicher Standpunkte und Wege, sowie keiner bestimmten Religionsgemeinschaft verpflichtete Informationen über die Hintergründe. Das Experiment scheiterte wohl aus drei Hauptgründen: es war nicht auf finanziellen Gewinn aus, es stand nicht im Dienst einer finanzkräftigen Religionsgemeinschaft, noch hatte sie sonst eine entsprechende Lobby, und drittens ist das Interesse "des Mannes/ der Frau auf der Straße" noch nicht geweckt. Ich kann nur hoffen, daß das Experiment wieder aufgenommen wird, denn erstens bieten entsprechende Zeitschriften und Bücher uns Religionswissenschaftlern die Möglichkeit, unsere Forschungsergebnisse konstruktiv in die Dialoge über religiöse und weltanschauliche Fragen einzubringen, und zweitens bieten sie vielleicht auch die Möglichkeit, Geld damit zu verdienen, denn auch Idealisten leben nicht allein von Luft und Liebe.
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