Symposion der Studierenden in Marburg
vom 16. bis 17. Mai 1998
- ein Rückblick -
von Michael A. Schmiedel

Symposium der Studierenden in Marburg vom 16. bis 17. Mai 1998 Ein Rückblick Von Michael A. Schmiedel Na gut, ich habe in SuS 1 und 2 Werbung für dieses Symposion gemacht, dann will ich nun also auch in SuS 4 ein Resümee vorlegen. Es ist ja nicht so, daß ich mehr Zeit dazu hätte als andere, die aus unserm Kreis an dem Symposion teilgenommen hätten. Besser wäre es schon gewesen, wenn das jemand geschrieben hätte, der dort keinen Vortrag gehalten hat, denn so laufe ich Gefahr, meinen eigenen Vortrag entweder besonders hervorzuheben oder ihn der Höflichkeit halber zu kurz kommen zu lassen. Nun, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, so hoffe ich, und es ist da eigentlich ähnlich, wenn man in der eigenen Religionsgemeinschaft religionswissenschaftlich forscht, aber kommen wir zum Thema:

Es war im Wonnemonat Mai, da trafen sich im Hause der ehrwürdigen Religionskundlichen Sammlung in Marburg Studierende der VRW und verwandter Fächer aus Marburg, Hannover, Tübingen, Bonn und wohl auch noch anderen Städten zum 5. Symposion der Studierenden und hielten daselbst Vorträge über Themen, die ihnen aus dem ein oder anderen Grund am Herzen lagen.

Ich fasse die Vorträge hier kurz zusammen, und wer mehr wissen will, kann mich ruhig fragen, denn ich habe eifrig mitgeschrieben, oder notfalls läßt sich bestimmt auch der oder die gefragte Referierende kontaktieren.

Den Auftakt machte Barbara Sonnemann aus Hannover mit ihrem Vortrag "Zur Begriffsbestimmung von religiösem Tanz". Barbara stellte zunächst fest, daß in der religionswissenschaftlichen Literatur Tänze zwar oft erwähnt, aber selten genau beschrieben werden. So griff sie auf Bücher anderer Fächer zurück, z.B. auf "Eine Weltgeschichte des Tanzes" von Curt Sachs, "Der Tanz als Bewegungsphänomen" von Dorothee Günter und "Klassischer indischer Tanz und christliche Verkündigung" von Aloysius Ronald Sequera, und konstatierte, daß es nicht einheitlich feststellbar sei, ob ein Tanz religiös sei oder nicht. Letztlich kam sie zu dem Fazit, daß ein Tanz als religiös zu bezeichnen sei, wenn der Tänzer religiös sei, der Tanz kein Selbstzweck sei, der Tänzer sich in einem inneren Zustand der Extase, in dem Sinne, daß Extase ein Mittel zum Zwecke der Ich-Überwindung ist, befinde und wenn der Tänzer ein Inbild habe, das er ausdrücken will. Nichtreligiös sei ein Tanz, wenn jeweils das Gegenteil zutreffe, wobei sie hier mit D. Günter den Rausch als Gegensatz zur Extase anführte, eben daß er ein Selbstzweck sei. Diese Unterscheidung wurde dann aber heftig diskutiert.

Orell Witthuhn aus Marburg stellt in seinem Referat "Oh Isis und Osiris - Ägyptische Religion im Internet" eine Religionsgemeinschaft vor, die es nur im Internet gibt. Anders als die Kopten, die Rosenkreuzer und andere Gemeinschaften, die sich als Weiterentwicklung der altägyptischen Religion verstünden und die aus Fleisch und Blut bestünden und reale Häuser und Tempel besäßen, sei das House of Netjer eine rein virtuelle Religion. Ihre Betreiber verstünden sich als orthodoxe Kemetiker (von dem alten Begriff "Kemet" für "Ägypten") und sähen, Hornung rezipierend, in Netjer einen altägyptischen monotheistischen Gott. Außer einer Post Box in Chicago und ihrer Homepage http://www.kemet.org/updates.html hätten sie keine auffindbare Adresse. Eine weitere, hier angeschlossene Gruppe basiere auf Berichten von Plutarch und wolle mit erstgenannter fusionieren. Angeblich hätten sie 17 000 Mitglieder, wobei aber der Verdacht aufkommt, daß hier jeder, der sich mal eingeklickt hat, als Mitglied gezählt wird. Die Zielgruppe der Mitgliederwerbung bestehe jedenfalls nicht aus Ägyptern, sondern aus Menschen der ganzen Welt. Das war am Freitag,...

...und den Samstag startete unsere Adelheid Pott mit ihrem Magisterthema "Der Mythos von der Rettung des Mythos. Die Unendliche Geschichte von Michael Ende unter religionswissenschaftlichen Aspekten". Ja, diese phantastische Geschichte sei nämlich nicht nur eine nette Unterhaltung, sondern ein Mythos der modernen Zeit, der apokalyptische und kosmogonische Dimensionen in sich berge. Wie in alten magischen Weltbildern herrsche hier eine enge Beziehung zwischen Wort und Wirklichkeit, und wer die Geschichte verstehen wolle, so Michael Ende in einem Interview, der müsse mit Leib und Seele eintauchen in das Mysterium. Das Auryn mit den zwei Schlangen, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen, symbolisierten die Unsterblichkeit und die Aufschrift "Tu was du willst" bedeute vielleicht "Tu, was im Augenblick das wichtigste ist". Eine Zuhörerin meinte, "Mythos" könne man vielleicht als "bildhafte Wiedergabe meiner Existenzbefindlichkeit" definieren.

Unser guter Anselm Neft folgte sodann als weiterer Vertreter der Bonner Delegation mit seinem Vortrag "Tod und Sterben im New Age", worüber er auch für die vorliegende Zeitschrift einen Artikel verfaßt hat. Im Gegensatz zu der Gesellschaft bis in die 1930er Jahre, in der der Tod noch im Schoße der Gemeinschaft erlebt worden sei, sei er heute mehr und mehr individualisiert, privatisiert und zu dem noch tabuisiert. Die New Age-Bewegung, sei eine Gegenbewegung gegen die Quantifizierung der Welt in Zahlen und Figuren, doch da sie keine einheitliche Bewegung sei und der Begriff "New Age" eine Fremdbezeichnung, müsse man nach Merkmalen Ausschau halten, die sie charakterisieren, und solche fand Anselm bei H.J. Ruppert, der allerdings die Unterscheidung zwischen New Age und Christentum als Hauptziel verfolgt habe. Nach einigem mehr an derartigen Gedanken über die New Age - Bewegung kam er endlich zu Tod und Sterben, und fand heraus, daß die Vorstellung einer Seele oder inneren Essenz im Menschen New Age - Allgemeingut sei, daß Reinkarnationsvorstellungen weit verbreitet seien, daß dieser Wiedergeburtskreislauf aber nicht als leidvoll empfunden werde, die Individualität dabei als erhalten bleibend angesehen werde, die Schöpfung bejaht werde, daß Erkenntnis, nicht Gnade der Weg zur Erlösung sei, daß der Körper als Gefängnis des Geistes oder gar als Illusion angesehen werde und daß Schöpfer und Schöpfung als ungetrennt gesehen würden. Allerdings bedürfe es noch einer intensiven religionswissenschaftlichen Beschäftigung damit, die nicht christlich-theologisch vorgeprägt sei.

Benny Dostal und Christine Weiß aus Marburg führten uns sodann in Welten, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. "Der Abgesandte des Propheten. Die religiöse Welt Bajors in 'Star Trek - Deep Space Nine'" hieß ihr gemeinsamer Vortrag. Sei die erste Serie vom Raumschiff Enterprise noch sehr antireligiös eingestellt gewesen, eben so wie ihr Regisseur Gene Roddenberry, so seien die neueren Serien der Star Trek - Familie voller religiöser Anspielungen. Bei "Deep Space Nine" seien zum Beispiel die Wurmlöcher, die dank der Raumkrümmung die verschiedenen Quadranten der Galaxie miteinander verbinden, nicht nur Weltraumverkehrswege, sondern Wohnorte von körper- und zeitlosen Wesen, die von den Bajoranern als Propheten verehrt würden. Captain Sisco, Commander von Deep Space Nine, kam in einer Filmszene, die bei dem Vortrag gezeigt wurde, mit einem solchen Propheten ins Gespräch, und man versuchte, sich gegenseitig zu verstehen. Sehr unverständlich war dem Propheten, der in der Gestalt von Siscos Sohn auftrat, daß Menschen dem Unvermögen, in die Zukunft zu sehen, einen Wert beimessen. Die Bajoraner nun verehrten Sisco als Abgesandten der Propheten, weil es im Wurmloch, das sie niemals betreten würden, mit diesen Kontakt aufgenommen hat.

Dann war ich selber an der Reihe mit einem Werkstattbericht von meiner Magisterforschung über "Buddhismus in Bonn". Ich gab einen Einblick in meinen Forschungsstand über 12 (jetzt habe ich 14) Bonner Gruppen, die sich entweder zum Buddhismus bekennen oder augenfällig Praktiken oder Lehrinhalte aus dem Buddhismus rezipieren. Per teilnehmender Beobachtung, Interviews, informeller Gespräche und Fragebögen erhebe ich Daten über zwei Theravada-, vier Vajrayana-, sieben Zen-Gruppen und die Bonner Soka Gakkai Gemeinschaft und möchte ein abgerundetes Bild ihrer Geschichten, Organisationen, Traditionsbezüge, Inkulturationen, Lehrinhalte, Meditations- und Andachtspraktiken, Sozialstrukturen und persönlicher Zugänge erstellen. Das soll dann ein Teil Bonner Stadt- und Religionsgeschichte und ein Beitrag zur Buddhismus-in-Deutschland-Forschung werden. Es sind ca. 200 Menschen, und nicht viel mehr als die Hälfte davon sind überzeugte Buddhisten, aber eine Religion wirkt nicht nur dort, wo man sich voll und ganz zu ihr bekennt, sondern auch dort, wo selektiv Praktiken oder Lehrinhalte rezipiert werden. Und auch dort, wo die buddhistische Zufluchtnahme erfolgt, bilden sich neue, eben unseren deutschen Gegebenheiten angepaßte Wege der Praxis. So kann man es von der Religion her betrachten, aber auch von den Menschen her. Letztere Perspektive sieht den Menschen, der auf der Suche nach gehbaren oder gefälligen Wegen der Spiritualität auf den Buddhismus stößt und sich mit ihm mehr oder weniger intensiv auseinandersetzt und irgendwas daraus macht. Ganz individualistische Formen dieser Beschäftigung entziehen sich leider meinem Blick, aber wo sie soziale Formen annehmen, lassen sie sich untersuchen. Aber da gibt's noch viel zu tun.

Linus Schlüter aus Marburg schloß den Samstag mit einem Diavortrag über Taiwan ab. Da habe ich mir nur notiert, daß die drei chinesischen Gottheiten, die man oft zusammen abgebildet sieht, der Gott des langen Lebens, der Gott des Wohlstandes und der Gott der Nachkommen sind. Es ist schon interessant, daß man keine Schwierigkeiten damit hat, solche auf das Diesseits gerichteten Wünsche als religiös anzusprechen, bloß weil da Götter als Vermittler auftreten, sehr wohl oft aber damit, New Age-Vorstellungen, trotz ihrer Ausgerichtetheit auf Ganzheitlichkeit, die auch das Jenseits umfaßt, so zu bezeichnen. Es waren jedenfalls schöne Bilder von der Insel. Den eigentlichen Abschluß des Samstages bildete aber ein fröhlicher Umtrunk im Garten des Marburger VRW-Seminars.

Der Sonntagmorgen war lateinamerikanisch geprägt. Kirsten Holzapfel aus Tübingen sprach über die "Mutter aller Mexikaner. Der Aufstieg der Jungfrau von Guadaloupe". Kirsten war ein paar Monate in Mexiko und beobachtete dort am 17. Dezember das Fest der Jungfrau von Guadaloupe, welches mit einer großen Pilgerbewegung verbunden sei. Im Jahre 1531 sei diese Jungfrau einem christlich getauften Indianer erschienen und habe seinem Volk Beistand bei der Unterdrückung durch die Spanier versprochen. Am Ort der Erscheinung sei aber auch die aztekische Göttin Tananzin, auf deutsch "unser Mütterchen", verehrt worden. Gleichzeitig habe in Spanien ein gewaltiger Marienkult geblüht, da sich die Spanier Schutz gegen die Muslime, gegen Krankheiten und gegen vieles andere von der Gottesmutter versprochen hätten. Diese beiden Kulte seien da wohl verschmolzen, und nach und nach, vor allem verbunden mit der Unabhängigkeit Mexikos und auch mit der strengen rassistischen Ständeordnung, die die Spanier dort eingeführt hatten, hätten sich verschiedene Bevölkerungsgruppen Mexikos diese Jungfrau zur Schutzpatronin gegen Krankheiten, Überschwemmungen, ungerechte Landbesitzer, aber auch gegen aufmüpfige Landarbeiter und vielleicht auch gegen Niederlagen beim Fußball erkoren.

Christian Lange, auch aus Tübingen, hielt den Abschlußvortrag über "Splendid Isolation - 400 Jahre Klausur im Nonnenkloster Santa Catalina in Arequipa/Peru". Dabei zeigte er Dias von diesem 1580 gegründeten Kloster, von den verschiedenen Bereichen, den Wohnungen der Nonnen, dem kleinen Fensterchen, das die Verbindung zur Welt außerhalb bildet. Bis ins 19. Jahrhundert seien dort keine Indianerinnen als Nonnen aufgenommen worden, und die weißen Nonnen hätten schwarze Bedienstete gehabt. Zeitweise hätten dort 300 Nonnen gelebt, heute seien es nur noch 30, weswegen der Klausurbereich 1970 auch verkleinert worden sei, wogegen der Rest des Klosters heute Besuchern offen stehe. Eine Nonne mit Namen Anna de los Angelos sei wegen ihrer Selbstkasteiungen selig gesprochen worden.

Soweit die Vorträge, aber den endgültigen Abschluß der Tagung bildete wie immer ein Gang durch die Religionskundlichen Sammlung. Martin Kraatz führte uns hindurch, und in Anbetracht der Tatsache, daß das wohl die letzte Möglichkeit war, die Sammlung von ihm präsentiert und erklärt zu bekommen, da er nun in den Ruhestand geht, erschien mir diese Führung besonders wertvoll. Ich möchte ihm für alle die lebendigen, geist- und witzreichen und sehr informativen Führungen bei verschiedenen Besuchen in Marburg nochmal herzlich danken!

Dank gebührt auch den studentischen Organisatoren des Symposions! Für das nächste Jahr ist geplant, es in Tübingen abzuhalten. Und wann ist Bonn an der Reihe? Da seid vor allem Ihr jungen Leute gefragt. Unser Übungsraum ist groß genug, man müßte es nur versicherungstechnisch absprechen. Kneipen für die Abende gibt es reichlich in Bonn, da bräuchten wir nur noch Unterbringungsmöglichkeiten für die Studierenden von außerhalb. Denkt mal darüber nach!



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