Als ich den ersten Teil dieses Essays für die "S&S" Nr. 2 schrieb, dachte ich mir, daß da wohl einiges an Kritik kommen würde und nahm mir vor, diese Kritik auswertend, einen zweiten Teil zu schreiben. Doch leider blieb diese Kritik aus, abgesehen von einem Einwand Oliver Krügers, der meinte, ich vermischte Religionswissenschaft und Religionsphilosophie, und eine Frage wie die nach einer Metawahrheit über Gott und Nirwana dürfte die RW nicht nur nicht beantworten, sondern erst gar nicht stellen. Als ich fragte, warum wir gerade da aufhören sollen zu fragen, wo es erst richtig beginnt interessant zu werden, meinte er, ihn als Soziologen interessiere diese Frage aber überhaupt nicht. PD Wolfgang Gantke befürwortete meine Einstellung, prophezeite mir aber - selber kritikerfahren - eine scharfe Kritik. Doch, wie gesagt, es kam nicht viel.
Doch auch so kann ich noch etwas schreiben. Wen es nicht interessiert, der braucht es ja nicht zu lesen. War der erste Teil eher theoretisch, so soll dieser etwas praxisbezogener werden. Dr. Dr. Helmut Zander sagte letztens ganz erstaunt, daß in seinem Proseminar über europäische Seelenwanderungsvorstellungen eine buntes Gemisch an Studierenden säße. Es gäbe welche, die glühende Anhänger des Seelenwanderungsglaubens seien und solche, die rein historisch-kritisch an das Thema herangingen. Erstere täten sich zum Teil recht schwer damit, wissenschaftlich akzeptable Arbeiten zu schreiben. Sie seien so involviert in ihren Glauben, daß es ihnen nicht gelinge, zu diesem auf Distanz zu gehen und ihn von außen zu betrachten.
Das was H. Zander hier beschreibt, trifft genau die Problematik,
in der viele Studierende der RW stecken. Ähnlich betroffen ist manch
verwandtes Fach. So erzählte mir Leo Both vom Indologischen Seminar,
daß in den 70ern viele Indologiestudierende ein spirituelles Interesse
an ihrem Studium gehabt hätten. Das habe heute nachgelassen, dafür
treffe man solche Zugänge zum Fach jetzt vermehrt bei den Tibetologen.
Man sollte zwei Extreme zu vermeiden suchen: Erstens eine Verwechslung
von glaubensimmanenten und religionswissenschaftlichen Betrachtungen und
zweitens die Ansicht, daß nur jemand, der keinen religiösen
Glauben habe, ein guter Religionswissenschaftler sein könne.
Zum ersten Extrem: Gleich ob jemand an Seelenwanderung, an die Gottessohnschaft
Jesu Christi, an die eigene Buddha-Natur, an die These, daß Religion
nur Opium des Volkes sei, an die Asen und Wanen, an eine rein zufällige
Evolution des Lebens oder an was auch immer glaubt und in seinem Leben
seine Zuflucht sucht, alle diese Ansichten lassen sich nicht dergestalt
intersubjektiv erörtern, daß sie Inhalt religionswissenschaftlicher
Aussagen sein könnten. Diese Ansichten haben ihren Ort in dem Bereich
menschlichen Lebens, in dem der Mensch sichere Orientierung sucht, auch
wenn man letztlich darauf verwiesen bleibt, sich den Lehrinhalten anzuvertrauen,
ohne sie wissenschaftlich beweisen zu können. Sicher gibt es Methoden,
diese Anschauungen diskursiv vor der Vernunft zu verantworten. Diese Methoden
kann man wissenschaftlich nennen in dem Sinne, in dem man Fundamentaltheologie
und Dogmatik wissenschaftlich nennt. Religionswissenschaft hat aber den
Anspruch, daß alle Menschen, ungeachtet der religiösen Überzeugung
bei Anwendung der gleichen Methoden zu den gleichen Ergebnissen kommen
können. Ungeachtet bleibt dabei allerdings, daß diese Methoden
zwar theoretisch, aber nicht praktisch für jeden erlernbar sind. So
sind es immer nur wenige, die fremdsprachliche Texte text- und literaturkritisch
untersuchen, soziologische quantitative und qualitative Erhebungen machen
oder psychologische Tiefeninterviews durchführen können. Aber
theoretisch bleibt doch die Möglichkeit, die jeweiligen Forschungsvorgänge
zumindest nachzuvollziehen oder gar nachzumachen und zu den gleichen Ergebnissen
zu kommen, vorausgesetzt, das Forschungsobjekt hat sich durch das Erforschtwerden
nicht verändert, was bei Menschen, die interaktive Objekte religionswissenschaftlicher
Feldforschung geworden sind, ab und zu vorkommt. Wichtig ist es nun, sich
auf solche intersubjektiven Methoden zu einigen, und die Betrachtungsweisen
auszuschließen, die nicht intersubjektiv einholbar sind. Ach ja,
ich wollte ja praxisbezogen reden: Wenn ich zum Beispiel eine Zen-Meditation
religionswissenschafltich beschreiben möchte, selber aber auch Zen-Praktizierender
bin - so wie es bei mir der Fall ist - dann muß ich mich auf das
beschränken, was jeder andere auch als Daten erheben könnte.
Ich kann also das Ritual beschreiben, die Zen-Unterweisung wörtlich
oder sinngemäß inhaltlich wiedergeben und kann auch Zen-Praktizierende
interviewen, warum sie Zen praktizieren, welche Erfahrungen sie damit machen
und welche Vorstellungen sie vom Ziel der Übung und von Größen
wie "Samsara", "Nirvana", "Buddha-Natur", "Erwachen" und anderem haben.
So sehr ich auch selbst davon überzeugt sein mag, daß Zen-Praxis
ein Weg zum Erwachen aus egozentrischen Illusionen ist, so darf ich diese
Überzeugung doch nicht in meine wissenschaftliche Arbeit einfließen
lassen. Man mag einwenden, daß Zen ein Weg der Erfahrung ist, und
jeder beim Zazen die beschriebenen Erfahrungen nachprüfen kann, so
ist dem ganz klar entgegenzuhalten, daß nicht jeder beim Zazen die
gleichen Erfahrungen macht, eine Erfahrungsbeschreibung also nur in ganz
begrenztem Fall intersubjektiv ist. Man muß diese zwei Betrachtungsweisen
also klar auseinanderhalten. Das mag einer Aufsplitterung der eigenen Persönlichkeit
ähneln, aber religiöse Menschen können sich damit trösten,
daß es ja nicht darum geht, eine Wirklichkeit hinter dem wissenschaftlich
Erfaßbaren zu leugnen, sondern sich in der Beschreibung einfach auf
einen Teil des Ganzen zu beschränken, dieses dafür aber um so
klarer und deutlicher darzustellen.
Der Schritt darüber hinaus zu einer theologischen, dharmalogischen
oder religionsphilo-sophischen Betrachtung bleibt jedem offen, doch muß
man sich klar darüber sein, daß dann auch ein weiterer Schritt
stattfindet und dieses nicht mehr reine Religionswissenschaft ist.
Zum zweiten Extrem: In manchen Diskussionen habe ich den Eindruck, als verfolgten meine Gesprächspartner mit ihrer religionswissenschaftlichen Forschung das Ziel, Religion und Religionen als reines Konstrukt menschlichen Denkens zu erweisen, ohne daß sie sich darüber bewußt sind, daß dies eine Behauptung ist, die in den Bereich des intersubjektiv nicht zu falsifizierenden Glaubens gehört. Aus diese Behauptung wächst oft die Forderung, ein Religionswissenschaftler solle selber nicht religiös sein, da er so seine Arbeit viel besser verrichten könne, ohne daß diese Forderung allzu offen ausgesprochen wird. Nun ist diese Ansicht schon verständlich, denn wissenschaftliches Denken und derart religionskritisches und religionsablehnendes verfährt zunächst gleichermaßen analytisch und entlarvend. So sind Wissenschaft und Kritik einerseits und Kritik und Ablehnung andererseits eng miteinander verwandt. Diese Verwandtschaft führt dann aber oft zu einer Verwechslung der Betrachtungsweisen, so wie oben zwischen religiöser und wissenschaftlicher. Wenn ein Religionswissenschaftler sich die Erklärung religiöser Phänomene als menschlicher oder gar gesellschaftlicher Konstrukte zum Ziel gesetzt hat, dann ist das legitim, aber es ist ein weltanschauliches Ziel. Ich bezweifele nicht, daß Religionen, so wie sie sich uns darstellen, menschliche Konstrukte sind, würde es aber eher mit einem "auch" versehen, also von Religionen als auch menschlichen Konstrukten sprechen. Ich bin auch der Ansicht, daß RW sich nur mit diesem Teil religiöser Wirklichkeit befassen kann, da nur das als Konstrukt sichtbar Gewordene, also der Text, das Ritual, das Kunstwerk, die Gesellschaftsordnung, das Gebäude usw. intersubjektiv erfaßbare Objekte sind. Sowohl wer glaubt, daß es jenseits des Konstrukts nichts weiteres mehr gibt, als auch wer glaubt, daß es da noch mehr gibt, kann seine Betrachtungsweise methodisch auf diesen gemeinsamen, also intersubjektiven Nenner reduzieren. Diese Reduktion verpflichtet aber niemanden, auf eine existenzielle Involvierung in religiöse und weltanschauliche Überzeugungen zu verzichten. Was jeder Religionswissenschaftler üben muß, ist lediglich ein methodischer Perspektivenwechsel. Diese Übung hat auch den fachlichen Vorteil, daß man es lernt, die verschiedenen Lehren der Religionen unvoreingenommen und unbeeinflußt von der eigenen Anschauung zu betrachten, wenn auch nicht vollkommen, so aber annäherungsweise. Und sie hat existenziell den Vorteil, daß man es lernt, Anhaftungen an eigene Konzepte zu überwinden und ideologiefreier zu werden. Die letzte Wertung ist freilich aus meiner eigenen, buddhistisch beeinflußten Anschauung erwachsen und ich bitte darum, sie nicht als religionswissenschaftlichen Standpunkt zu interpretieren.
Aber auf der Tour bin ich wieder beim Anfang angelangt, bei der RW als ein Fach zwischen den Perspektiven, ein inter-essantes Fach eben. Jetzt ist der Kreis geschlossen und zugleich sind noch viele Fragen offen. Kann man es lernen, mit Widersprüchen zu leben?