Zwischen Religion und Wissenschaft
-Zwischen existenzieller Involvierung und methodischer Distanzierung-
2. Teil
von Michael A. Schmiedel

Als ich den ersten Teil dieses Essays für die "S&S" Nr. 2 schrieb, dachte ich mir, daß da wohl einiges an Kritik kommen würde und nahm mir vor, diese Kritik auswertend, einen zweiten Teil zu schreiben. Doch leider blieb diese Kritik aus, abgesehen von einem Einwand Oliver Krügers, der meinte, ich vermischte Religionswissenschaft und Religionsphilosophie, und eine Frage wie die nach einer Metawahrheit über Gott und Nirwana dürfte die RW nicht nur nicht beantworten, sondern erst gar nicht stellen. Als ich fragte, warum wir gerade da aufhören sollen zu fragen, wo es erst richtig beginnt interessant zu werden, meinte er, ihn als Soziologen interessiere diese Frage aber überhaupt nicht. PD Wolfgang Gantke befürwortete meine Einstellung, prophezeite mir aber - selber kritikerfahren - eine scharfe Kritik. Doch, wie gesagt, es kam nicht viel.

Doch auch so kann ich noch etwas schreiben. Wen es nicht interessiert, der braucht es ja nicht zu lesen. War der erste Teil eher theoretisch, so soll dieser etwas praxisbezogener werden. Dr. Dr. Helmut Zander sagte letztens ganz erstaunt, daß in seinem Proseminar über europäische Seelenwanderungsvorstellungen eine buntes Gemisch an Studierenden säße. Es gäbe welche, die glühende Anhänger des Seelenwanderungsglaubens seien und solche, die rein historisch-kritisch an das Thema herangingen. Erstere täten sich zum Teil recht schwer damit, wissenschaftlich akzeptable Arbeiten zu schreiben. Sie seien so involviert in ihren Glauben, daß es ihnen nicht gelinge, zu diesem auf Distanz zu gehen und ihn von außen zu betrachten.

Das was H. Zander hier beschreibt, trifft genau die Problematik, in der viele Studierende der RW stecken. Ähnlich betroffen ist manch verwandtes Fach. So erzählte mir Leo Both vom Indologischen Seminar, daß in den 70ern viele Indologiestudierende ein spirituelles Interesse an ihrem Studium gehabt hätten. Das habe heute nachgelassen, dafür treffe man solche Zugänge zum Fach jetzt vermehrt bei den Tibetologen.
Man sollte zwei Extreme zu vermeiden suchen: Erstens eine Verwechslung von glaubensimmanenten und religionswissenschaftlichen Betrachtungen und zweitens die Ansicht, daß nur jemand, der keinen religiösen Glauben habe, ein guter Religionswissenschaftler sein könne.

Zum ersten Extrem: Gleich ob jemand an Seelenwanderung, an die Gottessohnschaft Jesu Christi, an die eigene Buddha-Natur, an die These, daß Religion nur Opium des Volkes sei, an die Asen und Wanen, an eine rein zufällige Evolution des Lebens oder an was auch immer glaubt und in seinem Leben seine Zuflucht sucht, alle diese Ansichten lassen sich nicht dergestalt intersubjektiv erörtern, daß sie Inhalt religionswissenschaftlicher Aussagen sein könnten. Diese Ansichten haben ihren Ort in dem Bereich menschlichen Lebens, in dem der Mensch sichere Orientierung sucht, auch wenn man letztlich darauf verwiesen bleibt, sich den Lehrinhalten anzuvertrauen, ohne sie wissenschaftlich beweisen zu können. Sicher gibt es Methoden, diese Anschauungen diskursiv vor der Vernunft zu verantworten. Diese Methoden kann man wissenschaftlich nennen in dem Sinne, in dem man Fundamentaltheologie und Dogmatik wissenschaftlich nennt. Religionswissenschaft hat aber den Anspruch, daß alle Menschen, ungeachtet der religiösen Überzeugung bei Anwendung der gleichen Methoden zu den gleichen Ergebnissen kommen können. Ungeachtet bleibt dabei allerdings, daß diese Methoden zwar theoretisch, aber nicht praktisch für jeden erlernbar sind. So sind es immer nur wenige, die fremdsprachliche Texte text- und literaturkritisch untersuchen, soziologische quantitative und qualitative Erhebungen machen oder psychologische Tiefeninterviews durchführen können. Aber theoretisch bleibt doch die Möglichkeit, die jeweiligen Forschungsvorgänge zumindest nachzuvollziehen oder gar nachzumachen und zu den gleichen Ergebnissen zu kommen, vorausgesetzt, das Forschungsobjekt hat sich durch das Erforschtwerden nicht verändert, was bei Menschen, die interaktive Objekte religionswissenschaftlicher Feldforschung geworden sind, ab und zu vorkommt. Wichtig ist es nun, sich auf solche intersubjektiven Methoden zu einigen, und die Betrachtungsweisen auszuschließen, die nicht intersubjektiv einholbar sind. Ach ja, ich wollte ja praxisbezogen reden: Wenn ich zum Beispiel eine Zen-Meditation religionswissenschafltich beschreiben möchte, selber aber auch Zen-Praktizierender bin - so wie es bei mir der Fall ist - dann muß ich mich auf das beschränken, was jeder andere auch als Daten erheben könnte. Ich kann also das Ritual beschreiben, die Zen-Unterweisung wörtlich oder sinngemäß inhaltlich wiedergeben und kann auch Zen-Praktizierende interviewen, warum sie Zen praktizieren, welche Erfahrungen sie damit machen und welche Vorstellungen sie vom Ziel der Übung und von Größen wie "Samsara", "Nirvana", "Buddha-Natur", "Erwachen" und anderem haben. So sehr ich auch selbst davon überzeugt sein mag, daß Zen-Praxis ein Weg zum Erwachen aus egozentrischen Illusionen ist, so darf ich diese Überzeugung doch nicht in meine wissenschaftliche Arbeit einfließen lassen. Man mag einwenden, daß Zen ein Weg der Erfahrung ist, und jeder beim Zazen die beschriebenen Erfahrungen nachprüfen kann, so ist dem ganz klar entgegenzuhalten, daß nicht jeder beim Zazen die gleichen Erfahrungen macht, eine Erfahrungsbeschreibung also nur in ganz begrenztem Fall intersubjektiv ist. Man muß diese zwei Betrachtungsweisen also klar auseinanderhalten. Das mag einer Aufsplitterung der eigenen Persönlichkeit ähneln, aber religiöse Menschen können sich damit trösten, daß es ja nicht darum geht, eine Wirklichkeit hinter dem wissenschaftlich Erfaßbaren zu leugnen, sondern sich in der Beschreibung einfach auf einen Teil des Ganzen zu beschränken, dieses dafür aber um so klarer und deutlicher darzustellen.
Der Schritt darüber hinaus zu einer theologischen, dharmalogischen oder religionsphilo-sophischen Betrachtung bleibt jedem offen, doch muß man sich klar darüber sein, daß dann auch ein weiterer Schritt stattfindet und dieses nicht mehr reine Religionswissenschaft ist.

Zum zweiten Extrem: In manchen Diskussionen habe ich den Eindruck, als verfolgten meine Gesprächspartner mit ihrer religionswissenschaftlichen Forschung das Ziel, Religion und Religionen als reines Konstrukt menschlichen Denkens zu erweisen, ohne daß sie sich darüber bewußt sind, daß dies eine Behauptung ist, die in den Bereich des intersubjektiv nicht zu falsifizierenden Glaubens gehört. Aus diese Behauptung wächst oft die Forderung, ein Religionswissenschaftler solle selber nicht religiös sein, da er so seine Arbeit viel besser verrichten könne, ohne daß diese Forderung allzu offen ausgesprochen wird. Nun ist diese Ansicht schon verständlich, denn wissenschaftliches Denken und derart religionskritisches und religionsablehnendes verfährt zunächst gleichermaßen analytisch und entlarvend. So sind Wissenschaft und Kritik einerseits und Kritik und Ablehnung andererseits eng miteinander verwandt. Diese Verwandtschaft führt dann aber oft zu einer Verwechslung der Betrachtungsweisen, so wie oben zwischen religiöser und wissenschaftlicher. Wenn ein Religionswissenschaftler sich die Erklärung religiöser Phänomene als menschlicher oder gar gesellschaftlicher Konstrukte zum Ziel gesetzt hat, dann ist das legitim, aber es ist ein weltanschauliches Ziel. Ich bezweifele nicht, daß Religionen, so wie sie sich uns darstellen, menschliche Konstrukte sind, würde es aber eher mit einem "auch" versehen, also von Religionen als auch menschlichen Konstrukten sprechen. Ich bin auch der Ansicht, daß RW sich nur mit diesem Teil religiöser Wirklichkeit befassen kann, da nur das als Konstrukt sichtbar Gewordene, also der Text, das Ritual, das Kunstwerk, die Gesellschaftsordnung, das Gebäude usw. intersubjektiv erfaßbare Objekte sind. Sowohl wer glaubt, daß es jenseits des Konstrukts nichts weiteres mehr gibt, als auch wer glaubt, daß es da noch mehr gibt, kann seine Betrachtungsweise methodisch auf diesen gemeinsamen, also intersubjektiven Nenner reduzieren. Diese Reduktion verpflichtet aber niemanden, auf eine existenzielle Involvierung in religiöse und weltanschauliche Überzeugungen zu verzichten. Was jeder Religionswissenschaftler üben muß, ist lediglich ein methodischer Perspektivenwechsel. Diese Übung hat auch den fachlichen Vorteil, daß man es lernt, die verschiedenen Lehren der Religionen unvoreingenommen und unbeeinflußt von der eigenen Anschauung zu betrachten, wenn auch nicht vollkommen, so aber annäherungsweise. Und sie hat existenziell den Vorteil, daß man es lernt, Anhaftungen an eigene Konzepte zu überwinden und ideologiefreier zu werden. Die letzte Wertung ist freilich aus meiner eigenen, buddhistisch beeinflußten Anschauung erwachsen und ich bitte darum, sie nicht als religionswissenschaftlichen Standpunkt zu interpretieren.

Aber auf der Tour bin ich wieder beim Anfang angelangt, bei der RW als ein Fach zwischen den Perspektiven, ein inter-essantes Fach eben. Jetzt ist der Kreis geschlossen und zugleich sind noch viele Fragen offen. Kann man es lernen, mit Widersprüchen zu leben?



Zur|ck zum Inhalt von S&S 1Zur|ck zum Inhalt von S&S 1Zur|ck zum Inhalt von S&S 1
Zurück zum                                      Zurück zum                                      Zurück zur
Inhalt von S&S 3                        Anfang des Dokuments                        S&S Übersicht

Anregungen und Kritik