Zwischen Religion und Wissenschaft
-Zwischen existenzieller Involvierung und methodischer Distanzierung-
1. Teil
von Michael A. Schmiedel

"Interesse" heißt, wenn man es wörtlich nimmt, "zwischen sein". Wer Vergleichende Religionswissenschaft (VRW) betreibt, hat ein interessantes Aufgabenfeld. Er (natürlich auch sie, aber ich beschränke mich in Folgenden auf die maskulinen Formen, im Sinne von "der Mensch") bewegt sich zwischen den Religionen und Kulturen wie ein Reisender zwischen Ländern, Städten, Museen, Bibliotheken. Mir sagte mal der deutsche Sufi Hassan Dijk von der Osmanischen Herberge in Kall, der Unterschied zwischen einem Islamwissenschaftler und einem Sufi sei der, daß der Islamwissenschaftler am Meer spazieren gehe, Muscheln sammele, sich das Meer angucke, Bücher darüber lese und schreibe, während der Sufi im Meer tauche. Was hier vom Islamwissenschaftler behauptet wird, kann auf den Religionswissenschaftler übertragen werden, nur daß er eben nicht nur an einem Meer (Islam) spazieren geht, sondern an vielen (Islam, New Age, Buddhismus, Hexentum, Taoismus, Christentum, Asenglaube, usw.). Prof. Peter Antes bringt in seinen Vorstellungen, was Religionswissenschaft sei (sie liegt in der Mappe "Korrespondenz zu Sakrament & Sakrileg" in der Bibliothek aus), ein anderes Gleichnis, in welchem der religiöse Mensch einer sei, der einen Wein trinke, wäh-rend sich der Religionswissenschaftler mit Hilfe von Lichtbildern oder bestenfalls durch eine Geruchsprobe über den Wein kundig mache, aber keinesfalls davon trinke. Die beiden Gleichnisse besagen dasselbe: eine Religion praktizieren und sie wissenschaftlich erforschen sind zwei grund-verschiedene Dinge. Man nennt dies gewöhnlicherweise die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenperspektive.

Diese klare Aussage ist nun aber gar nicht so selbstverständlich, genausowenig wie unser Fach selbst. So mancher beginnt mit dem Studium der VRW, um durch das Studium der Re-ligionen religiöses Wissen zu erlangen. Gemes-sen an oben dargestellter Unterscheidung, hat ein solcher in unserm Fach nichts zu suchen, denn das was er sucht, kann er hier nicht finden. Also weg mit ihm!...? Aber wohin soll er gehen? Zur Theologie? Wohl kaum, denn dort lernt er eine christliche Konfession von innen kennen, das freilich recht intensiv, aber auch nicht viel mehr. Nichtchristliche Religionen werden dort kaum behandelt. Zur Philosophie? Tja, dort lernt er europäisches Denken von innen kennen, aber die philosophischen Traditionen Asiens zum Beispiel werden normalerweise vernachlässigt. Dann bleiben noch die kulturwissen-schaftlich-philologischen Fächer wie Islamwissenschaft, Indologie, Sinologie, Tibetologie usw.. Aber dort wird jeweils nur ein Kulturraum behandelt und zwar, wie in der VRW, von außen. Also bleibt dem armen Tropf nur noch die Möglichkeit, nacheinander in den verschiedenen religiösen Traditionen Ausbildungen zu absolvieren, deren Theologien, Philosophien oder wie man ihre Lehren sonst bezeichnen mag von innen kennenzulernen und so das religiöse Wissen zu erwerben, das er sich wünscht. Natürlich ist dieser Suchende ein Leben lang unterwegs, aber wem es ernst damit ist, der wird das gerne auf sich nehmen. Und dennoch die Frage: kann die VRW ihm gar nichts bieten?

Die VRW ist ein recht junges Fach und ein recht unselbständiges dazu. Sie ist wie eine Jugendliche, die sich von überall her Informationen über das Leben einholt und zugleich hartnäckig darauf besteht, ein eigenes Leben auf eigenen Beinen führen zu wollen. Eng verbunden ist sie mit oben angeführten Kulturwissenschaften und Philologien die man als ihre Geschwister bezeichnen könnte. Besonders eng ist das Vehältnis zur Vergleichenden Sprachwissenschaft. Sie ist so was wie eine ältere Schwester, mit besonders großem Einfluß auf die Vorstellungen vom Leben, die sich die VRW macht. Andere Geschwister sind z.B. Soziologie, Geschichtswissenschaft, Geographie, Politologie, Psychologie. Die VRW übernimmt gerne Methoden von ihnen und paßt sie den eigenen Fragestellungen an. Das Problem dabei ist, daß der VRW oft vorgeworfen wird, keine eigenen Methoden zu haben. Manchmal wird ihr deshalb ein eigenständiges Existenzrecht abgesprochen. Doch kann sie sich dieses Angriffes leicht erwehren, indem sie behauptet, nicht nur eigene Methoden können eine Wissenschaft rechtfertigen, sondern auch eigene Forschungsobjekte und eine eigene Fragestellungen.

Ein viel größeres Problem hat die VRW mit der Philosophie und der Theologie bzw. den Theologien. Der Wunsch, die eigene Selbständigkeit zu behaupten ist diesen Fächern gegenüber ungleich größer, als gegenüber den vorgenannten. Man könnte Philosophie und Theologie als die Eltern der VRW und vielleicht sogar aller an europäischen Universitäten gelehrter Fächer bezeichnen. Aus der Philosophie entwikkelten sich schon in der Antike verschiedene Disziplinen als eigenständige Fächer, und die Theologie war im mittelalterlichen Europa das wichtigste Fach an den neuen Universitäten. Ohne Theologie hätte es eventuell gar keine Unis gegeben, zumindest nicht so früh. Während nun aber die anderen Wissenschaften sich erfolgreich abgenabelt haben, hat die VRW noch immer panische Angst, von den Eltern bevormundet oder mit ihnen verwechselt zu werden. Letzteres kommt ihr besonders schlimm vor, ja ist ihr bisweilen geradezu peinlich, vor allem, da man seit dem 19. Jahrhundert mit dem Begriff "Wissenschaft" zunehmend Exaktheit, Empirie und nichtnormative Deskription verbindet, und von daher den Eltern aller Wissenschaften den Status, Wissenschaften zu sein, gerne abspricht. Empirische Wissenschaft kann über metaphysische Dinge keine Aussagen machen. Eine rein deskriptive Wissenschaft kann keine Werturteile treffen und keine Ratschläge zu ei-ner ethischen Lebensweise geben. Eine so verstandene Wissenschaft betreibt reine, zweckfreie Grundlagenforschung, und liefert ihre Ergebnisse zur freien Verfügung den gesellschaftlichen Kräften, die für ihre praktische und nor-mative Umsetzung zuständig sind, also der Politik, der Industrie, dem Militär, der Rechtsprechung und jedem Otto Normalverbraucher für seine private Lebensführung. Wenn diese die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse falsch ver und anwenden, trifft sie die Verantwortung, nicht die Wissenschaft, die ihre Hände in Unschuld wäscht.

Grundsätzlich gibt es zwei Motivationen, warum wir Menschen überhaupt Wissenschaft betreiben. Die erste liegt darin, daß wir konkrete Probleme und Aufgaben, denen wir uns im Leben ausgesetzt sehen, durch das Erlangen von Wissen bewältigen wollen. Das ist die pragmatische Motivation. Die zweite ist die, daß wir unser Leben in Harmonie mit den Gesetzen des Daseins führen möchten, deshalb möglichst viel Wissen über diese Gesetze und Zusammenhänge erlangen und aus diesem Wissen Weisheit für eine richtige und gute Lebensweise ableiten wollen. Das ist die philosophische Motivation. Wissenschaft ist von beiden Motivationen her keineswegs zweckfrei. Sie hat ihren Ort im menschlichen Bemühen, das Dasein zu bewältigen. Und dabei bildet die VRW keine Ausnahme.

Nun gibt es noch zwei Punkte zu bedenken, nämlich den der Verantwortung und den der Exaktheit. Wenn wir von der Wissenschaft reden, ist das eine sehr abstrakte Ebene. Also rede ich nun vom Wissenschaftler, als einem Wissen-schaft betreibenden Menschen. Als Mensch ist er für seine Handlungen verantwortlich. Wenn er nun im Sinne einer Arbeitsteilung seine Forschungsergebnisse an andere Instanzen abgibt, entbindet er sich nicht von der Verantwortung. Wenn also ein Religionswissenschaftler seine Forschungsergebnisse über Religionen an die Endverbraucher weiter gibt, diese fragen, was sie nun damit anfangen sollen, er diese Frage von sich weist und an die Philosophie und Theologie weitergibt, diese aber mangels Kenntnis über die Religionen doch lieber wieder zu ihrer eingeübten Innenschau zurückkehren, dann bleibt der Mensch, der auf religiös, spirituell oder sonstwie motivierter Sinnsuche sich befindend ein religionswissenschaftliches Buch gelesen oder sich einen Vortrag angehört hat im Regen stehen, und wendet sich enttäuscht von der VRW ab und entweder der ratlosen Depression oder dem nächsten Guru zu, der verspricht, die gewünschten Antworten zu liefern. Diese Verantwortung möchte ich gerne etwas ernster nehmen.

Was die Exaktheit anbelangt, so ist nur anzumerken, daß jeder Mensch, auch in wissenschaftlicher Tätigkeit, die Welt und so auch sein Forschungsobjekt, aus einer ihm eigenen Perspektive her sieht. Er befindet sich in einem Subjekt-Objekt-Verhältnis, und seine Aufgabe ist es, sich in einer Perspektive einzuüben, die möglichst viele andere Subjekte nachvollziehen können, sich also methodisch Intersubjektivität anzugewöhnen. Auch Naturwissenschaften sind abhängig von persönlichen Perspektiven der Wissenschaftler, noch viel mehr aber die Gei-steswissenschaften. Umso energischer muß der Wissenschaftler sich bemühen, seiner Perspektiven bewußt zu werden, zu wissen, wo er drinnen und wo er draußen ist, wo seine Perspektive eine Innen- und wo eine Außenperspektive ist. Methodisch kann er sich darin üben, auch eine Religion, mit der er sich identifiziert, von einer Außenperspektive zu betrachten und zu beschreiben. Gleiches gilt für einen Wissenschaftler, der sich mit einer Religion beschäftigt, der er Antipathien entgegenbringt oder der über-haupt nicht religiös ist. Auch solche Menschen sind in ihrer Antipathie oder Areligiosität drin-nen und müssen auch diese Anschauung von außen betrachten. Eine reine Nichtidentifizierung mit dem Forschungsobjekt ist noch nicht sogleich eine intersubjektive Außenperspektive. Eine Außenperspektive ist nicht per se intersubjektiv. Jeder Religionswissenschaftler muß sich also in einem dauernden Reflexionsprozeß dar-über, wie seine jeweiligen Innen- und Außenperspektiven genau aussehen, befinden, und über diesen Reflexionsprozeß Rechenschaft ablegen. Andernfalls ist seine Wissenschaftlichkeit gefährdet.

So gesehen ist der Religionswissenschafler als Mensch immer von seinem Forschungsobjekt angesprochen, muß sich menschlich, religiös, philosophisch mit ihm auseinandersetzen, um herauszufinden, wie er innerlich dazu steht, damit diese subjektive Einstellung nicht unbewußt Einfluß auf seine Forschung übt. Und wenn er nun schon für sich, zur Sicherung wissenschaftlicher, methodischer Redlichkeit Fragen stellt, die über die reine empirische Erfassung des Objektes hinausgehen, ja warum soll er dann nicht auch diese Fragen in den Raum stellen, wie zum Beispiel die Frage, ob denn Gott und Nirvana auf eine gemeinsame Metawahrheit hinauslaufen oder nicht? Freilich, beantworten kann er diese Fragen innerhalb religionswissenschaftlicher Methodik nicht. Wenn er das ver-sucht, betreibt er Religionsphilosophie.

Ein religiös, spirituell oder philosophisch suchender Student kann in der VRW eine ganze Menge lernen. Er hat es in seinem Studium mit verschiedensten Innen- und Außenbetrachtungen zu tun, deren Autoren ein Bewußtsein dieser Problematik oft gar nicht durchscheinen lassen. Nach seinem Studium kann er ja außerhalb der Wissenschaft weiter suchen, denn religiöse Antworten wird er von der VRW nicht bekommen. Aber er lernt Perspektiven kennen und natürlich jede Menge inhaltlicher Fakten über Religionen. Auf dieser Basis kann er eine viel fundiertere Religionsphilosophie betreiben, als es dem Absolventen eines Theologie- oder Philosopiestudiums möglich ist, denn wo sonst kommt man mit den Philosophien, Theologien und sonstwie genannten Lehrsystemen der Religionen in so geballter Ladung in Kontakt, wie beim Studium der VRW? Wer wäre besser geeignet, auf die Fragen der vielen Mitmenschen einzugehen, die auf religiöser Suche sind, denen aber die Perspektiven der christlichen Theologien oder anderer religiöser oder philosophischer Vertreter, die nur ihre Sache kennen, nicht zufrieden sind, als ein methodisch intersubjektiv arbeitender und dank des dazu notwendigen Reflexionsprozesses für religiöse und philosophische Fragen offener Religionswissenschaftler? So kann, ja so sollte, um mit PD Wolfgang Gantke zu sprechen, die Religionswissenschaft auf die Philosophie hin offen sein, dabei freilich keine letztgültigen Antworten geben zu können sich anmaßen, aber doch offene Fragen in den Raum zu stellen den Mut haben. Freilich bleibt eine methodische Trennung zwischen Religionswissenschaft und -philosophie bestehen, genau wie zwischen Naturwissenschaft und -philosophie. Aber immerhin studierte Carl Friedrich von Weizsäcker Physik, da er sich in seiner Jugend sagen ließ, daß man im 20. Jahrhundert die Physik kennen müsse, um ernsthafte Philosophie betreiben zu können. Man kann vollkommen unphilosophisch Physik betreiben, und ebenso auch VRW, aber letztere kann wertvolle Impulse geben für religiöse und philosophische Lebensorientierung, vorausgesetzt der Religionswissenschaftler beherrscht nach dem dazu notwendigen Reflexionsprozeß die methodische Distanzierung zum Forschungsobjekt und zu sich selbst, und ist den-noch zugleich existenziell involviert genug, um die Verantwortung zu empfinden, die er durch seine wissenschafliche Arbeit auf sich lädt. Zugleich bildet die VRW die beste in unserer Gesellschaft existierende Basis für eine Religionsphilosophie, die sich mit einer Innenperspektive einer religiösen oder philosophischen Tradition nicht zufriedengibt. Hey, wir studieren wirklich ein interessantes Fach, wenn es auch nicht einfach ist, bei dem Ballanceakt zwischen den Perspektiven und Erkenntnisinteressen nicht zwischen die Stühle zu fallen!

(Wird fortgesetzt.)



Zur|ck zum Inhalt von S&S 1Zur|ck zum Inhalt von S&S 1Zur|ck zum Inhalt von S&S 1
Zurück zum                                      Zurück zum                                      Zurück zur
Inhalt von S&S 2                        Anfang des Dokuments                        S&S Übersicht

Anregungen und Kritik