Bericht vom Symposion "Streitfall Neue Religionen"
-27.3.-29.3.98-
von Michael A. Schmiedel

Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e.V., Marburg (REMID) und das Center for the Study of New Religions, Turin (CESNUR) veranstalteten vom 27.-29.3.1998 in der Alten Universität in Marburg ein Symposion zum Thema "Streitfall Neue Religionen. Religionswissen-schaftliche Perspektiven im internationalen Vergleich". Sieben Bonner Studierende mischten sich unters Publikum und lauschten den Reden und Vorträgen, die von Religionswissenschaftlern und anderen Wissenschaftlern aus Deutschland (Dipl.-Pol. Steffen Rink, Marburg, REMID, Prof. Dr. Siegfried Keil, Marburg, Prof. Dr. Günther Kehrer, Tübingen, Dr. Joachim Süß, Mainz, Dr. Sebastian Murken, Mainz u. Trier, Prof. Dr. Hubert Seiwert, Leipzig), Großbritannien (Prof. Dr. Eileen Barker, London), Dänemark (Ass. Prof. Mikael Rothstein, Kopenhagen), Rußland (Prof. Dr. Marat S. Shterin, Moskau), Italien (Dr. Massimo Introvigne, Turin, zugleich CESNUR-Vorsitzender) und USA (Prof. Newton Malony, Pasadena, Dr. J. Gordon Melton, Santa Barbara und Prof. James T. Richardson, Reno) gehalten wurden. Die ebenfalls eingeladenen Vertreter der evangelischen und römisch-katholischen Kirche, Dr. Michael Nüchtern (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungen, Berlin) und Dipl.-Theol. Hans Casper (Deutsche Bischofskonferenz, Bonn), haben leider äußerst kurzfristig abgesagt, da sie der Tagung vorwarfen, weniger wissenschaftlich als politisch zu sein und auf jeden Fall den Neuen Religiösen Bewegungen (NRB) zu unkritisch zu begegnen.

Ohne im Einzelnen auf die Vorträge einzugehen - denn dazu fehlt hier der Platz - möchte ich kurz skizzieren, welche Tendenz das Symposion im Allgemeinen eingeschlagen hat: Vor allem die deutsche Religionswissenschaft hat sich bisher viel zu wenig mit den NRB befaßt, da sie ihren Kriterien erforschungwürdiger Religionen (im Nebel der Geschichte entschwundene historische Anfänge, sprachlich schwierig zu entschlüsselnde Texte, möglichst große Distanz zum eigenen religiös-gesellschaftlichen Umfeld) nicht entsprachen. Statt dessen wurden die NRB Angriffsobjekte der Kirchen und Anti-Sekten-Bewegungen (anti-cult movements) sowie zahlreicher Einzelpersonen und Vereinigungen, die sich berufen fühlten, die geltenden Normen unserer Gesellschaft vor der Unterwanderung durch andere Normvorstellungen zu schützen. Die Angst, die eigenen Normen infrage gestellt und somit die Sicherheit der eigenen Existenzausrichtung gefährdet zu sehen, führten bei vielen zu Aggressionen, Verfolgungswahn und Unterstellungen der schlimmsten Praktiken wie zum Beispiel Gehirnwäsche bzw. Bewußtseinskontrolle bei den NRB. Mögen diese Vorwürfe auch in Einzelfällen berechtigt sein, so zeigen doch soziologische und psychologische Studien, daß sie nicht zu verallgemeinern sind. In Großbritannien sind diese Studien im öffentlichen Diskurs weit mehr rezipiert als in Deutschland, und in Dänemark läßt der Staat die NRB und die Anti-Sekten-Bewegungen gegeneinander zetern, ohne sich einzumischen. In den USA haben sich die NRB politisch und rechtlich nach und nach mehr Freiheiten erkämpft. In Rußland sind die Wechselwirkungen zwischen NRB, russisch-orthodoxer Kirche und westlichen Anti-Sekten-Bewegungen sehr kompliziert.

Die deutsche Gesellschaft scheint mehr als andere darum zu bangen, die Fundamente der eigenen Ordnung zu verlieren. Dabei hat sie noch nicht gesehen, daß möglichst neutrale Beschreibungen, wie VRW, Soziologie und Psychologie sie zu liefern bemüht sind, der Lösung der Probleme am zuträglichsten sind. Denn anders als die Perspektiven, die von den verschiedenen Interessengruppen wie den Kirchen, den Medien, den Elterninitiativen, den politischen Parteien oder gar den NRB selber eingenommen werden, wird hier ernsthaft darum gerungen, all diese Perspektiven zu verstehen, zu erklären und miteinander in Beziehung zu setzen. Mit diesem Hintergrund könnte auch die Rechtsprechung den vorkommenden Rechtsbrüchen seitens der NRB viel entkrampfter begegnen, könnten die Betroffenen, also die Mitglieder der NRB, deren ratlose Angehörige und auch die offiziellen Vertreter der NRB und der Kirchen, die je eigenen Positionen relativieren.

Es wurde aber während der Tagung von niemandem behauptet, es gebe keine Probleme mit den NRB, keine Rechtsbrüche, keine Ausnutzung von Mitgliedern, keine Etikettenschwindel. Es wurde aber die Notwendigkeit der Versachlichung und Entpathologisierung der NRB-Diskussion mit Nachdruck betont.

Mehr Infos entnehmt bitte bei Interesse den Abstracts in der Tagungsmappe auf den Schließfächern in der Bibliothek, den Tagungsberichten von Thomas Hase M.A. in "Spirita" 1/98 und Dr. Martin Baumann in "Dialog der Religionen" 1/98 (liegt bei den ev. Theologen aus) und dem von REMID noch herauszubringenden Tagungsband.



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