Obwohl Sakrament & Sakrileg eigentlich nur für den seminarinternen Vertrieb der Bonner Religionswissenschaft konzipiert ist, es also nicht angestrebt wird, sie wie die "Lilit" und die "Spirita" einer bundesweiten Leserschaft zum Kauf anzubieten, haben wir ein paar Exemplare an andere Fachschaften und Professoren verschickt, um sie darauf aufmerksam zu machen, was hier in Bonn unter den Studierenden so diskutiert wird. Auf die Nr.1 kamen dann auch einige Reaktionen und zwar zwei Leserbriefe und eine Diskussion im Internet. Wir haben hier nicht den Platz, die Briefe und E-Mails abzudrucken, aber sie liegen in der Bibliothek auf den Schließfächern in der Mappe "Korrespondenz zu Sakrament & Sakrileg" für jeden zum Lesen aus.
Die beiden Leserbriefe stammen von Prof. Peter Antes aus Hannover und von Prof. Hans G. Kippenberg aus Bremen. Ersterer bemerkte, daß in unserer Zeitschrift und in der "Spirita" 1/97 Vorstellungen von Religionswissenschaft formuliert wurden, die sich voneinander und auch von seiner Vorstellung unterscheiden und fügte auf fünf Seiten seine Vorstellung von Religionswissenschaft als Fach an der Universität bei, die er zur Diskussion stellen möchte. Sie ist auch auf der Homepage der Uni Hannover nachzulesen. Also lest sie Euch durch und öffnet Euch der angebotenen Diskussion. Ich habe das mit meinem Artikel "Zwischen Religion und Wissenschaft" schon mal begonnen, aber das soll erst der Auftakt für eine umfassende und tiefschürfende Reflexion sein, an der teilzunehmen ich Euch alle aufrufe. Prof. Antes indes ruft auf zur Teilnahme an der Tagung der IAHR (International Association for the History of Religions) "Religionsgeschichte in Europa" vom 22. bis zum 25. Mai in Hildesheim. Dort wird auch u.a. Raimon Panikkar sprechen! Informiert Euch in besagter Mappe oder am Fachschaftsbrett. Für die Spende von 20.-DM für unsere Fachschaftskasse sei Prof. Antes herzlich gedankt!
Prof. Kippenberg war besonders von Holger Nielens Artikel "Tod der Geisteswissenschaften?" begeistert, und macht als Ergänzung auf Odo Marquard aufmerksam, der gerade in unserer technokratischen Zeit den Geisteswissenschaften eine besondere Rolle zuschreibt. Hat jemand Lust, einen Artikel über Odo Marquard zu schreiben?
Die Internet-Diskussion fand in der von Prof. Michael Pye aus Marburg betreuten "Yggdrasill-Liste" statt. Sie begann damit, daß er nach den Daten des Studierenden-Symposions fragte, von dem er über uns erfahren hatte, wandelte sich zu einer Spekulation von Prof. Pye und Dipl.-Pol. Steffen Rink (REMID, Marburg) darüber, was der Titel Sakrament & Sakrileg zu bedeuten habe und wurde letztlich zu einer handfesten Methodendiskussion, an der Fachkollegen aus Marburg, Leipzig, Bremen, Bayreuth und Bonn teilnahmen. Die "Hauptkontrahenten" waren dabei PD Wolfgang Gantke, der seinen zur Religionsphilosophie hin offenen hermeneutischen Ansatz verteidigte, und Thomas Hase M.A. aus Leipzig, der diesen Ansatz aus der Perspektive eines empirisch-rationalen Reduktionismus angriff. Leider kam es zu keiner Übereinkunft zwischen den beiden, denn ihre Wissenschaftsverständnisse sind sehr verschieden. Es dürfte für jeden Studenten und jede Studentin der RW eine interessante Sache sein, diese ca. 80-seitige Diskussion zu lesen und zu versuchen, beide Positionen zu verstehen. Sie zeigt sehr schön die Pluralität unseres Faches, und tatsächlich sind diese beiden Pole in mannigfachen Variationen immer wieder quer durch die RW anzutreffen. Meiner Meinung nach ist diese Pluralität auch sehr wichtig für eine Wissenschaft, doch genauso wichtig ist es, daß man auch die Ansätze, die man selber nicht praktiziert, zu verstehen sucht. Einem so vielseitigen Objekt, wie es die Religion bzw. die Religionen darstellt/darstellen, ist mit einem einzigen Ansatz nicht gerecht zu werden.
Zuletzt möchte ich noch die Reaktion erwähnen, die in Bonn selber aufkam. Es handelt sich um eine Kritik an unserer Titelwahl. Dardo Leßmann hat ja am Fachschaftsbrett dazu aufgerufen, Alternativtitel vorzuschlagen. Sakrament & Sakrileg scheint ihm und einigen (oder vielen?) anderen als zu sehr an das Christentum oder gar die röm.-kath. Kirche zu erinnern. Wir (die Redaktion) verstehen den Titel aber metasprachlich und wollen damit die Spannbreite zwischen Heiligung, Weihung, Sakralisierung auf der einen und Entheiligung, Entweihung, Profanisierung auf der anderen Seite ausdrücken. Diese beiden Pole sind in der gesamten Religionsgeschichte immer wieder anzutreffen, und kennzeichnen auch zwei grundsätzliche Motivationen für Menschen, Religionswissenschaft zu betreiben. Einige sind von Religionen fasziniert und wollen sie deshalb erforschen, andere haben ihnen gegenüber eine ablehnende Haltung und wollen ihren Schwächen forschend auf die Schliche kommen. Darauf spielt der Titel an, aber Ihr sollt ruhig sagen, was Ihr denkt.