Die erste Niederschrift des Lankavatara-Sutras [Diakritische Zeichen sind aus technischen Gründen weggelassen.] ist nicht genau zu datieren, dürfte aber im 4. Jhdt. christl. Zeitrechnung erfolgt sein, wonach es siebenmal aus dem Sanskrit in andere Sprachen übersetzt wurde: viermal ins Chinesische (zw. 420 u. 433 von Dharmaraksha, 443 von Gunhabhadra, 513 von Bodhiruci, 704 von Shikshananda), einmal ins Tibetische (im 9.Jhdt. von Chos-grub), einmal ins Englische (1932 von D.T. Suzuki) und nun ins Deutsche (1996 von Karl-Heinz Golzio). Daneben wurden Übersetzungen aus dem Chinesischen angefertigt.
Es handelt sich dabei um ein Mahayana-Sutra, welches für die entsprechenden Buddhistinnen und Buddhisten im Rang eines authentischen Buddhawortes steht, was aber wissenschaftlich nicht bestätigt werden kann. Vielmehr handelt es sich um ein Kompendium einzelner Texte, die nach und nach entstanden und zusammengestellt wurden. Der Inhalt spiegelt auch sehr deutlich den philosophisch-spirituellen Diskurs zwischen verschiedenen buddhistischen und nicht-buddhistischen Schulen wider, wie er in Indien im 5. Jhdt. geführt wurde. Das Sutra ist voller Apologetik gegen die Schulen des Shravakayana und Pratyekabuddhayana, also Schulen, die aus Mahayana-Perspektive dem Hinayana angehören, und des Pashupata, Samkhya und Vaisheshika, wogegen es selbst die Schule des Cittamatra (Geist allein) vetritt. Die vorliegende Version ist in zehn Kapitel unterteilt, denen eine Einführung vorausgeht und ein Glossar, sowie eine Bibliographie folgt. Abgesehen von Kapitel 10, welches ein reines Verskapitel ist, bestehen alle Kapitel aus Prosateilen und Versen, wobei die Verse zumeist den Inhalt des vorangegangenen Prosateils wiederholen.
Das erste Kapitel schildert eine phantastische Rahmenhandlung, in welcher der Buddha als Gast des Königs der Seeschlangen auf Lanka weilt und von Ravana, dem König der Rakshasas (menschenfressende Dämonen) aufgesucht und um eine Dharmabelehrung gebeten wird. Auch anwesend war eine große Anzahl Bodhisattva-Mahasattvas, angeführt von Mahamati, welcher dann auch in den folgenden Kapiteln als alleiniger Gesprächspartner des Buddha auftritt, wogegen die übrige Szenerie des ersten Kapitels im weiteren keine Rolle mehr spielt.
Die Kapitel 2 bis 7 hätte man gar nicht weiter unterteilen müssen, da sie inhaltlich eine Einheit bilden. Keines der Kapitel ist inhaltlich strukturiert, sondern die Fragen Mahamatis und die Antworten des Buddha laufen kreuz und quer durch alle im Sutra behandelten Themenbereiche, wobei vieles auch mehrfach wiederholt wird, so daß man beim Durchlesen die wichtigen Lehrinhalte immer wieder vor Augen hat und so auch verinnerlichen kann. Das wichtigste Thema ist die Überwindung des dualistischen Denkens von Sein und Nichtsein, Entstehen und Vergehen, Ursache und Wirkung, Subjekt und Objekt, Ich und Nicht-Ich, Samsara und Nirvana und das Durchdringen zu der Erkenntnis, daß es nichts gibt, außer dem, was vom Geist (Citta) selbst gesehen wird. Diese Erkenntnis könne aber nur durch eigene meditative Erfahrung gelingen, nicht durch begriffliches, diskursives Denken und Lernen. So mutet es auch etwas wie ein schwerfälliges Unterfangen an, diese Erkenntnis dem Leser in Begriffen, Argumenten und Schlußfolgerungen näher bringen zu wollen. Das Hauptargument, mit dem die Behauptung, die anderen Schulen befänden sich im Irrtum, geführt wird, ist eben, daß diese noch im dualistischen Denken und in Begriffen verharren. Diese würden nie das letzte Ziel erreichen, denn es sei schon ein Irrtum, daß es etwas zu erreichen gäbe. "Aber Logiker können aufgrund des Eindrucks der Mannigfaltigkeit von Sein und Nichtsein seit anfangslosen Zeiten all dies nicht erkennen" (S. 176). Das vorausgesetzt, kann auch der folgende Satz sinnvoll sein: "Alle Dinge sind ewig aufgrund ihrer Nichtewigkeit" (S. 126). "Denn das Tor zur höchsten Wirklichkeit ist frei von dualistischer Erkenntnis" (S. 84, Vers 132 u. S. 276 Vers 104). Weitere Themen sind der stufenweise Weg zum Erwachen, die Buddha-Ebenen Dharmata-Buddha, Dharmata-Nirmana-Buddha, Nishyanda-Buddha und Nishyanda-Nirmana-Buddha (ideengeschichtlich eine Vorstufe der Trikaya-Lehre), die Kraft der Bodhisattva-Gelübde und die Unterstützung der Bodhisattvas durch die Buddhas.
Kapitel 8 und 9 sprechen zwei andere Themen an, und zwar das Verbot Fleisch zu essen und einige magische Schutzformeln gegen aufdringliche Dämonen. Ersteres bringt Argumente, die auch im hinduistischen Kontext sinnvoll wären, z. B. daß man im Laufe der endlosen Wiedergeburten schon mal in jeder Tierart gelebt habe und so mit allen Tieren verwandt sei, daß der Geruch von Fleischessern den Göttern mißfalle und die Tiere in die Flucht schlage, letzteres ist wahrscheinlich ein späterer Einschub unter tantrischem Einfluß.
Kapitel 10 schließlich wiederholt inhaltlich die Kapitel 2 - 7, allerdings nur in Versen. Dabei ist gerade dieses Kapitel besonders gut zu lesen, da es die umständlichen Versuche, nicht-logische Erkenntnis auf logischem Wege zu erläutern, wie es die Prosateile oft tun, umgeht.
Die Übersetzung ist im großen Ganzen gut zu lesen, wenn auch inhaltlich nicht einfach zu verstehen. Zwar gibt die Einführung von Eckhard Graf, dem Lektor das Verlages, einen Überblick über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte, geht dabei aber nicht sehr in die Tiefe. Schade, daß die ursprünglich vorgesehene gemeinsame Einführung von Graf und Golzio als zu wissenschaftlich abgelehnt wurde! Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, daß Fachtermini in Sanskrit belassen wurden, da Übersetzungen oft die genaue und oft vieldeutige Bedeutung nicht wiedergeben können. Dann aber sollten auch alle Begriffe im Glossar erklärt werden, was hier wohl aus verlegerischen Gründen nicht geschah. So sucht man nach Begriffen wie Samadhi-Mayopana, Samadhi-Vajravimpana, Vinayaka, Vajrapani, Rsis und anderen vergeblich und muß weitere Nachschlagewerke hinzuziehen, wenn man ihre Bedeutung nicht schon als Vorkenntnis mitbringt. Einige, aber auch nicht alle, findet man im 'Lexikon der östlichen Weisheitslehren' , ebenfalls bei O.W. Barth erschienen, andere im viel ausführlicheren Glossar in D.T. Suzukis 'Studies in the Lankavatara Sutra' . Ein Verlag, der sich auf die Herausgabe heiliger Schriften und spiritueller Literatur spezialisiert hat, sollte nicht marktwirtschaftlichen Überlegungen das letzte Wort lassen!
Mit Sangharakshitas 'Das Buddha-Wort' [Dennis Lingwood (Sangharakshita): Das Buddha-Wort. Das Schatzhaus der "heiligen Schriften". Eine Einführung in die buddhistische Literatur. Bern, München, Wien 1992. 384 S.; O.W. Barth Verlag] bietet er allerdings auch gute Sekundärliteratur an, worin man auch über das Lankavatara-Sutra noch interessante Informationen bekommt.
Oft werde ich gefragt, welcher Tradition denn der Übersetzter angehöre, denn das sei maßgeblich. Leider gibt das Buch außer dem Namen keine Information über ihn. Warum nicht? Nun, Karl-Heinz Golzio gehört der Tradition der empirischen Vergleichenden Religionswissenschaft an, trägt den Doktortitel dieses Faches und ist ein versierter Indologe, zur Zeit mit einem Lehrauftrag an der Uni Würzburg. Wenn Elke Hessel der Ansicht ist, daß diese Übersetzung eines Nichtbuddhisten "in jedem Satz eine 'innere Unberührtheit' durchscheinen läßt" [Lotusblätter 2/97, S. 49], dann ist das nicht grundsätzlich ein Manko, denn Vergleichende Religionswissenschaft bemüht sich um unparteiische Objektivität, so daß ihre Arbeitsergebnisse für Menschen jeder religiösen und philosophischen Provenienz annehmbar sein sollten. Nebenbei steht Golzio dem Buddhismus aber eher sympatisierend, als gleichgültig gegenüber, wenn auch eher dem Urbuddhismus, sofern sich dieser rekonstruieren läßt. Es bleibt aber sanskritkundigen Mahayanins oder gar Cittamatrins unbenommen, weitere Übersetzungen anzufertigen.
Nachdem das Lankavatara-Sutra vom Ch'an- bzw. Zen-Buddhismus, den es anfangs sehr inspiriert hat, seit dem 8. Jhdt. immer weniger rezipiert wurde, kann nun seine Wirkungsgeschichte hier im Westen weiter gehen. Sowohl als Religionswissenschaftler, als auch als Zen-Praktizierender kann ich die Lektüre nur empfehlen. Zen-Praxis hilft übrigens beim Verständnis des Sutras.
Zum Abschluß noch ein Zitat: