Studentische Zeitschrift
für die Vergleichende Religionswissenschaft
Nr. 11, Juli 2001
Chefredaktion: Holger Nielen,
Redaktion: Anke Terörde, Simon Benz, Martin Stappen
Layout + Internet
Version: Martin Stappen
Dies ist eine für die Internet-Präsentation
überarbeitete Version der gedruckten Ausgabe
Im Auftrag des Fachschaftsrates Vergleichende Religionswissenschaft der Rheinischen Friedrich- Wilhelms- Universität Bonn.
INHALT
Das Editorial von Holger Nielen
Das Leben des Lafyette Ron Hubbard von Anselm Neft, Historische Erscheinung und Legende
Symposion in Bayreuth von Agathe M. Hahn
Nehmt euch Zeit zur Gründlichkeit! – Interview
mit Elke Trefz-Winter von Simon Benz
LER, Pokemons und die Religionswissenschaft dazwischen
– von Simon Benz
Rastafari - Suche nach einer eigenen Identität –
Zweiter Teil des Artikels von Bettina Gerber
Es war einmal/ Ein Fachschafts-Märchen – Von den
Geschwistern Nielen und Terörde
Meinungssache? – Zur Lehre an unserem Seminar / Fragebogenaktion der Fachschaft von Simon Benz
Begrüßende
Worte
Er
empfiehlt sich etwa mit seinem lesenswerten Artikel über L. Ron Hubbard
und seinen drei Leben (= nicht Reinkarnationen), d.h. dreier Perspektiven
auf das Leben des Gründers der Scientology-Church. Will man diesem
Autor zweitklassiger Science-Fiction-Stories Glauben schenken, so war er
ein Genie auf fast allen Gebieten, von der Schiffahrt über die Philosophie
zur Kernphysik. Man ist jedoch besser beraten, sich auf andere Quellen
als die scientologischen zu stützen.
Simon
Benz hat sich gleich mit drei Arbeiten zu Wort gemeldet. Einmal hat er
mit sicherem Gespür ein interessantes Interview mit unserer Dozentin
Frau Elke Trefz-Winter geführt, die einige außerordentlich beachtenswerte
Änderungsvorschläge zu unserem gegenwärtigen Studium macht.
Zum anderen hat sich Simon der sehr dankbaren Mühe unterzogen, den
Fragebogen, den die Fachschaft VRW letztes Semester verteilt hat, nach
Strich und Faden in schwerer Kleinarbeit auszuwerten. Zu welchen Ergebnissen
eure Antworten geführt haben, könnt ihr hier also selbst nachlesen.
Zuletzt nimmt er Bezug auf einen Artikel eines zeitgenössischen Religionswissenschaftlers,
welcher versucht, unser Fach in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen.
Agathe
M. Hahn, die sich bald von uns nach Norwegen verabschieden wird, und der
wir auf ihrer Reise dorthin alles Gute mit auf den Weg geben, hat uns das
8. Religionswissenschaftliche Symposium der Studierenden noch einmal in
Erinnerung gerufen. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön
an die Bayreuther/innen, die uns die schönen Tage dort ermöglicht
haben.
Auch
Michael A. Schmiedel ist wieder mit zwei Artikeln vertreten. Er berichtet
von einer Tagung des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland
über das Bild, das die deutsche Öffentlichkeit sich über
den Islam macht. Ein solches, die Tatsachen leider verfälschendes
Bild werde schon in deutschen Schulbüchern den hiesigen Kindern vermittelt.
Hier gäbe es einen äußerst dringenden Bedarf an Richtigstellungen.
Des weiteren schreibt er eine Rezension eines Buches von Manuel Gogos über
den von ihm als religiösen Grenzgänger bezeichneten „Religionsvermittler“
Raimon Panikkar, den Gogos den Leser/n/innen als einen Sucher nach dem
Zusammenfall der Gegensätze präsentiert.
Bettina
Gerber erfreut uns mit dem zweiten Teil ihres Artikels über die Rastafaris,
eine karibisch-afrikanische religiöse Protestbewegung, die sich gegen
Kolonialismus und seine Auswirkungen richtet. Randbemerkung: Ein Referat
dazu hat es auf dem Symposium der Studierenden der Religionswissenschaft
letztes Jahr gegeben. Eine schriftliche Ausformulierung desselben ist im
Reader dieses Symposiums zu finden, der für 13,– DM bei der Bibliotheksaufsicht
zu erhalten ist.
Zur
schreibenden Zunft hat sich Holger Nielen zurückgemeldet, der sich
mit der Rezension eines Buchkapitels über Gewalt und Seele in die
Abgründe der Tiefenpsychologie wagt. Auch von dieser Disziplin lasse
sich für die Religionswissenschaft einiges nutzbar machen.
Anke
Terörde hat es sich nicht nehmen lassen, angesichts der Fachschaftsratswahlen
in fabelhafter Manier darzulegen, was die Fachschaft in den letzten beiden
Semestern alles geleistet hat und demnächst noch zu tun gedenkt.
Zuletzt
ein Wort in eigener Sache: Als neuen Mitarbeiter begrüßt die
S&S ganz herzlich Martin Stappen (Er ist nicht von Pappen!), der sich
gleich als Layouter hier seine Sporen verdienen möchte. Wie ihr bereits
bemerkt haben dürftet, stellt sich unsere Zeitschrift ab dieser Ausgabe
in einem neuen Layout vor.
Doch
nun genug der vielen einführenden Worte! Viel Spaß und neue
Erkenntnisse beim Lesen von S&S wünscht Euch
Holger
Nielen
Im
folgenden soll Hubbards Biographie skizziert werden. Der Hubbard scientologischer
Quellen wird dem Hubbard nicht-scientologischer Quellen gegenübergestellt.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass primäre und sekundäre
Quellen bereits in sich uneinheitlich sind. Die scientologischen Quellen
haben sich im Laufe der Jahrzehnte geändert – teils als Reaktion auf
unliebsame Enthüllungen durch Journalisten und andere „unterdrückerische
Personen“.
Die
nicht-scientologischen Quellen wurden mit unterschiedlichem Erkenntnisinteresse
formuliert. So ist das Porträt, das sein ältester Sohn zeichnet,
schwer vergleichbar mit den Ausführungen des Sektenbeauftragten Haack
oder den lässigen Formulierungen des populärwissenschaftlichen
Autors Christopher Evans.
Dies
im Hinterkopf, wollen wir nun zunächst den Hubbard der scientologischen
Quellen betrachten:
Im
Zweiten Weltkrieg war er Korvettenkapitän der US-Marine. 1945 musste
er sie, halbblind und gelähmt durch Kriegsverletzungen, verlassen.
Mittels der Erkenntnis, dass der Verstand über den Körper regiert,
heilte sich Hubbard selbst. Am 9. Mai 1950 wurde das Buch „Dianetik: Der
Leitfaden für den menschlichen Verstand“ veröffentlicht.
1955
fand in Washington die Gründung der Scientology Kirche statt. Vier
Jahre später wurde der internationale Hauptsitz nach Saint Hill Manor
in Sussex, England, verlegt, wo Hubbard sich an Gartenbauexperimenten versuchte.
Lange
hielt es den Kirchengründer jedoch nicht an einem Ort: Hubbard erwarb
Schiffe und bildete Seemannschaften aus. Seine Reisen führten ihn
unter anderem nach Rhodesien und zu den kanarischen Inseln. Ab 1968 erforschte
er Auswirkungen und Ursachen von stofflichen Süchten. Die Entwicklung
des Drogen-Rehabilitierungs- Programmes „Narconon“ galt Mitte der 70er
als abgeschlossen.
Bis
zu seinem Ende betätigte er sich als Schriftsteller. Anfang der 80er
schrieb er in erstaunlich kurzer Zeit den Bestseller „Battlefield Earth“
und das zehnbändige Science-Fiction-Opus „Mission Earth“. Am 24. Januar
1986 verschied Hubbard, nachdem er alles erreicht hatte, was er wollte.
Unsterblicher Nachruhm ist dem Schriftsteller, Philosophen, Kapitän,
Künstler, Filmemacher, Pädagogen, Musiker, Photographen, Flieger,
Forscher, Manager, Gartenbauexperten und Menschenfreund gewiss.
So
weit die scientologischen Quellen.
Über
Hubbards Kriegserlebnisse gibt es zahlreiche Geschichten. Es dürfte
kein Leichtes sein, alle Legenden zusammenzutragen und von der Wirklichkeit
zu scheiden. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass Hubbard offensichtlich
nicht der Kriegsheld war, als den er sich gerne darstellte und darstellen
ließ. Ein Korvettenkapitän ist er nie gewesen. Abgesehen von
knapp 80 Tagen als Commanding Officer auf dem Kriegsschiff USS-PC-815 hat
er während seines Militärdienstes hauptsächlich Schreibtischtätigkeiten
verrichtet.10
Aufschlussreich
ist, was nach Russell Miller ein US Naval Attaché 1942 in Melbourne
über Hubbard berichtet haben soll. Er stuft den Begründer der
Dianetik als geschwätzig ein und sieht in ihm jemanden, der einen
Eindruck seiner Wichtigkeit zu geben versucht. Auch denke Hubbard wohl,
er habe in den meisten Bereichen ungewöhnliche Fähigkeiten.11
Die
„Kriegsverletzungen“ waren folgender Natur: „Geschwür am Zwölffingerdarm,
Schleimbeutelentzündung (rechte Schulter), Arthritis, Bindehautentzündung“.12
Nach
dem Krieg war Hubbard kurze Zeit Mitglied des Okkultordens Ordo Templi
Orientis. John Whiteside Parsons, Leiter des kalifornischen O.T.O.- Zweiges,
war beeindruckt von Hubbard und führte ihn in den Orden ein.13
In einem Brief an Aleister Crowley beschreibt er Hubbard als „the most
thelemic person I have ever met“.14 Hubbard wollte sich
nach einem solchen Kompliment offenbar nicht lumpen lassen, spannte Parsons
die Freundin15
aus und kaufte mit ihr, hauptsächlich von Parsons Geld, Schiffe. Parsons
unterdrückte seine Eifersucht als unthelemitische Emotion. Als sich
das Pärchen allerdings mit den Schiffen absetzen wollte, verlor er
doch die Geduld. Ein von ihm beschworener Luftgeist – nach anderer Lesart
hoher Seegang und die Küstenwache – setzte der Kreuzfahrt und Hubbards
Mitgliedschaft im O.T.O. ein Ende.16
Scientologen sehen diese Episode in einem anderen Licht. Ihnen zufolge
habe sich Hubbard in den Orden eingeschleust, um ihn von innen heraus zu
zerstören.17
1950
hat Hubbards chronischer Geldmangel erst einmal ein Ende. Mit der Veröffentlichung
des Aufsatzes „Dianetik: Einführung in eine neue Wissenschaft“ in
dem Magazin „Astounding Science Fiction“ gelingt ihm der Durchbruch. Sein
kurz darauf erscheinendes Buch „Dianetik“ gelangt unverzüglich auf
die Bestsellerliste. Eine Bewegung entstand, die dank des Beistandes mindestens
zweier Millionäre wenigstens finanziell Boden unter die Füße
bekam.18
Der Ölmillionär Purcell sorgte dafür, dass ihm Hubbard sämtliche
Rechte der von ihm gegründeten Stiftung überließ. Hubbard,
der hier nur die Rolle eines Direktors hätte spielen können,
verbreitete einfach eine „neue Wissenschaft“: die Scientologie.19
Dabei kommt ihm bald ein simpler Hautwiderstandsmesser zu Hilfe. Rasch
ist der „Hubbard-Elektrometer“ geboren, der das „Auditing“ um eine bedeutsame
Komponente bereichert.20
Am 21. Juli 1955 wird in Washington D.C. die Gründerkirche der Scientology
eingetragen. Kurz zuvor reichte Sara Northrup – Hubbards zweite Frau –
nach vier Jahren Ehe die Scheidung ein. Sie gab an, von ihrem Ehemann körperlich
und seelisch misshandelt worden zu sein. Zudem habe Hubbard versucht, die
gemeinsame Tochter Alexis zu entführen. Die dritte Ehe schloss Hubbard
bereits 1952. Margret Sue Hubbard übernahm bald die Leitung des Guardian
Office. Hierbei handelt es sich um eine Art scientologischen Geheimdienst.21
In
den folgenden Jahren versuchte Hubbard vergeblich in England, Südafrika
und Australien dauerhaft Fuß zu fassen, bevor er schließlich
auf die hohe See auswich.22
Am
Ende seines Lebens zog sich Hubbard vollständig zurück. Etwa
sechs Jahre lang wusste offenbar niemand, wo er sich befand. Am 24. Januar
1986 stirbt er schließlich in San Luis Obispo, Kalifornien, an den
Folgen eines Blutsturzes im Gehirn. Natürlich ranken sich Legenden
um seinen Tod, die von vergrabenem Geld, Selbstmord, einem bereits früher
stattgefundenen Tod und ähnlichem handeln.23
Sein
erster Sohn, L. Ron Hubbard junior – Spitzname „Nibs“ – dämonisierte
Hubbard in einem Gemeinschaftswerk mit Bent Corydon. Allerdings schwingt
auch hier eine Form von Faszination mit, und es kann in seinen Ausführungen
nicht von emotionaler Distanz ausgegangen werden.In
den Augen von Nibs war Hubbard ein Drogenabhängiger. Unter anderem
habe er Unmengen an Alkohol trinken können.24
Er sei selbst kein Scientologe gewesen, habe also nicht gelebt, was er
gepredigt habe.25
In den „Fallgeschichten“ des Dianetik-Bestsellers sieht Nibs hauptsächlich
ausgeschmückte Geschichten aus dem Leben seines Vaters. In diesem
Zusammenhang wirft er ihm eine praktizierte Abtreibung an seiner Mutter
Margaret Grubb, Hubbards erster Ehefrau, vor.26
Laut Sara Northrup hing Hubbards Affinität zum Thema „Abtreibung“
damit zusammen, dass er ein ungewolltes Kind war.27
L.
Ron Hubbard junior berichtet auch ausführlich über den Hang seines
Vaters zu „schwarzer Magie“. In einer Nacht habe ihn sein Vater in dieses
Geheimnis eingeweiht. In einem Hotelzimmer habe er ihn mit einschlägiger
magischer Literatur vertraut gemacht, deren Inhalt Nibs bereits beim ersten
Lesen sonderbar bekannt vorgekommen sei.28
Diese Episode liest sich wie eine Horror- oder Fantasystory des Vielschreibers
Hubbard. Es ist schwer zu entscheiden, ob hier ein genaues Bild des machtversessenen
Okkultisten Hubbard gezeichnet wird, oder ob diese Darstellung eher etwas
über seinen ältesten Sohn aussagt. Lesenswert ist sie allemal.
Weiter
erfahren wir, dass Moral für Hubbard eine Zwangsjacke gewesen sei,
persönliche Macht hingegen alles. Die Werke Crowleys hätten ihm
als Teenager entscheidende Impulse gegeben. Seine Meinung zum Christentum
sei durchweg negativ gewesen.29
Sein Temperament müsse als cholerisch bezeichnet werden. Heftige Wutausbrüche
waren laut Nibs keine Seltenheit.30
Eine
nüchternere Quelle dürfte der 1965 in Australien veröffentliche
Anderson-Report sein. Darin wird Hubbards geistige Gesundheit entschieden
angezweifelt. Verfolgungswahn, paranoide Schizophrenie, Angst vor dem Weiblichen
– wie man seinem Drang über Perversionen zu schreiben entnehmen könne
– und Größenwahn werden ihm von dem Report bescheinigt.31
Interessant
ist in diesem Zusammenhang der Hass, den Hubbard immer wieder Psychiatern
entgegenbrachte. Die Skepsis vor ihnen floss in die scientologische Lehre
mit ein.32
Alles
in allem gewinnt man den Eindruck eines Mannes von überbordender Phantasie
und Energie, der sich eine ex- und egozentrische Welt entwarf, die aufgrund
seines Charismas auch andere begeistern konnte. Bei weitem nicht so genial,
wie er und seine Anhänger glaubten, blieb Hubbard jedoch zeitlebens
eine rastlose und unzufriedene Person, die als Partner, Vater und Freund
auf ganzer Linie versagt haben dürfte. Damit steht er als „großer
Mann“ der Geschichte allerdings nicht alleine.
3 siehe
z.B. Miller, Russell: Bare-Faced Messiah. The
true story of L. Ron Hubbard“ London 1987, S. 248-249. Hier
wird auf Hubbards Himmelfahrt-Berichte eingegangen – eine Angelegenheit,
über die die Scientologen lieber schweigen. Siehe auch Miller, 1987,S.
117 und S. 368
4 Attack,
Jon: A piece of blue Sky. Scientology, Dianetics and L. Ron Hubbard Exposed.
New York 1990, S. 48
8Cooper,
Paulette: The Scandal of Scientology. A chilling examination of the nature,
beliefs and practices of the “new religion”. New York 1971, S. 163
10Haack,
Friedrich-Wilhelm: Scientology – Magie des 20. Jahrhunderts. München
1995, S. 32; siehe auch Miller, S. 96 und S. 105ff.
13 Corydon,
Bent und L. Ron Hubbard junior: L. Ron Hubbard. Messiah or Madman? New
Jersey 1987, S. 255
14ebd.
S. 256. Der Begriff „thelemic“ bezieht sich auf Aleister Crowleys Gesetz
von Thelema (gr.: „Wille“). Crowleys oft missverstandener Kernsatz lautet
„Tu was Du willst, sei das ganze Gesetz.“
15Sara
„Betty“ Northrup wurde gar Hubbards zweite Ehefrau, nachdem er sich 1947
von Margaret Louise Grubb hatte scheiden lassen. Siehe hierzu Evans, 1979,
S. 30-31
16Corydon,
S. 258; Miller, S. 126ff.
19 ebd.
S. 68. Siehe auch Billerbeck, Liane und Nordhausen, Frank: Der Sektenkonzern.
Scientology auf dem Vormarsch. 5. aktualisierte Auflage. Berlin 1994, S.
35-36
20 Evans,
S. 70 ff; Haack, S. 108-117
21 Albers,
Volker: Vom Science-Fiction-Autor zum Sektenguru. In: Mission mit allen
Mitteln. Der Scientology-Konzern auf Seelenfang. Hg. Von Jörg Hermann. Hamburg
1992, S. 54; Haack, 1995, S. 26
22 Billerbeck,
S. 37ff. Siehe
auch Evans, S. 106-117
24 ebd.
S. 52; siehe auch S. 54 und 306
27 ebd.
S. 272; vgl. Miller, S. 13, wo Hubbard als ein von allen geliebtes und
bewundertes Kind dargestellt wird.
30 ebd.
S. 372; siehe auch S. 304
31 Miller,
S. 252-253; Corydon, S. 387 ; Haack, S. 46ff.
32 Evans,
S. 118 ff.; Haack, S. 50
Schulbuchtagung.
Das Bild des Islam in
Deutschen
Schulbüchern
Tagung des Islamrates für
die Bundesrepublik Deutschland
vom 3. bis 5. April 2001 im
Gustav-Stresemann-Institut in Bonn
Tagungsbericht von Michael
A. Schmiedel
Ohne
auf die einzelnen Redebeiträge detailliert einzugehen, möchte
ich versuchen, den Grundtenor der Tagung herauszuarbeiten. Von muslimischen
Rednerinnen und Rednern wurden mehrere deutsche, schweizerische und französische
Schulbücher für den Religions- und Geschichtsunterricht unter
die Lupe genommen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass zwar nicht alles falsch
sei, was da über den Islam geschrieben stehe, dass aber neben tatsächlich
vorhandenen sachlichen Fehlern als Negativmerkmal hauptsächlich hervorzuheben
sei, dass die Gewichtung einen falschen Eindruck vermittele: Unwichtige
Dinge würden hervorgehoben, wichtige weggelassen und es würden
Sachverhalte so dargestellt, es seien sie zwar schon irgendwie so, aber
eigentlich doch nicht. Dadurch entstehe ein verzerrtes Bild, das weder
dem Islam als historische Größe, noch dem Selbstverständnis
der Muslime gerecht werde. Das Bild des Islam, das so den Schüler(innen)
vermittelt werde, sei das einer fremden, orientalischen, vormodernen, geschäftstüchtigen
und nicht zuletzt aggressiven Religion, die in Allah einen Gott anbete,
der ganz verschieden sei von dem Gott der Juden und Christen. Den Autoren
mangele es einerseits an theoretischem, islam- oder religionswissenschaftlichem
Fachwissen und andererseits an eigenen dialogischen Erfahrungen mit Muslimen.
Was Geschichtsbücher anbelange, so werde der historischen Bedeutung
des Islam in Spanien oder gar der weltweiten Ausbreitung des Islam heute
fast gar nicht Rechnung getragen.
Abgesehen
von Schulbüchern war auch der Religionsunterricht Gegenstand der kritischen
Erörterung. Von islamischer Seite strebt man einen islamischen Religionsunterricht
an, der dem katholischen und evangelischen gleichgestellt ist. Der ev.
Religionspädagoge Prof. Rickers lobte den sog. Hamburger Weg, auf
welchem ein überkonfessioneller, dialogischer Religionsunterricht
praktiziert werde. Die Schüler(innen) kämen aus verschiedenen
Religionen und lernten ihre eigene Religion und die Religionen der anderen
im Gespräch miteinander kennen, das um gemeinsame Lebensprobleme wie
Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Erde kreise und die verschiedenen
Perspektiven der Schüler(innen) berücksichtige. Dieses Modell
sei besser als das ebenfalls überkonfessionelle englische Modell der
religious
education, da dieses die verschiedenen Religionen nur sachkundlich
nebeneinander darstelle, ohne dass es dabei zu einem Gespräch komme,
in das sich die Schüler(innen) mit ihren Religionen einbringen könnten.
Von
Rabiya Müller vom Institut für Internationale Pädagogik
und Didaktik wurde ein Modell eines islamischen Religionsunterrichts vorgestellt,
das auf dem Prinzip der Schura, also der demokratischen Beratung, wie sie
im Koran gelehrt werde, beruhe. Die Schüler(innen) lernten so, Problemlösungsstrategien
aus dem Koran herzuleiten und so keine religiöse Traditionspflege
zu betreiben, sondern mit eigener Identitätsfindung etwas für
die Gesellschaft zu tun. Dieses sehr progressive Modell stoße allerdings
nicht in allen muslimischen Gemeinden auf Zustimmung.
Auch
die Akzeptanz des Islam in der deutschen Öffentlichkeit wurde besprochen.
Es gebe einen Antiislamismus, der sich vornehmlich gegen den islamischen
Extremismus richte und einen guten von einem bösen Islam unterscheide,
wobei was gut und was böse sei, an den eigenen Lebens- und Kulturnormen
gemessen werde. Muslime gehörten andererseits vielerorts zum alltäglichen
Straßenbild, muslimische Organisationen seien in den letzten Jahren
effizienter und repräsentativer geworden, der Umgang sei unbefangener
als noch vor 20 Jahren, und der Fokus habe sich auf lösungsorientierte
Diskurse verlagert. Andererseits gäbe es mancherorts auch Tendenzen
zur Ghettoisierung, was vor allem an einer zu engen Orientierung an den
Herkunftsländern solcher Muslime liege, die sich mit der Akzeptanz
der deutschen gesellschaftlichen Realität (Säkularismus, Pluralismus,
große Freiheiten der Jugend u.a.) und vor allem mit der deutschen
Sprache schwer täten. Da seien einerseits die deutschen Behörden,
Schulen usw. gefragt, aber auch die islamischen Organisationen.
Die
vollständige Integration der in Deutschland lebenden Muslime in die
deutsche Gesellschaft wurde als anzustrebendes Ziel bestimmt. Einerseits
sei man auch schon auf gutem Wege dahin, andererseits bestünden noch
viele Hemmnisse, sowohl auf Seiten vieler nichtmuslimischer Deutscher,
als auch vieler traditioneller Muslime und teilweise auch der muslimischen
Organisationen, die noch zu sehr an Dachorganisationen in den Herkunftsländern
hingen. Schulbücher könnten eine integrationsfördernde Leistung
erbringen, arbeiteten bislang aber eher kontraproduktiv, da sie eher die
öffentliche Meinung widerspiegelten, anstatt sie zu formen versuchten.
Um dem abzuhelfen, wurden u.a. folgende Vorschläge gemacht: Schulbücher
sollten mit den Gegensatzpaaren „islamisch-deutsch“, „fremd-eigen“ usw.
vorsichtiger umgehen, Stereotypen durch Crossing überwinden, ein positives
Image des Islam fördern und professioneller gestaltet werden (was
übrigens auch für Schulbücher quer durch alle Fächer
angemahnt wurde). Dazu sollte ein mehrsprachiges, muslimisches Personal
herangezogen, stärker mit der UNESCO zusammengearbeitet und deutschsprachige
muslimische Literatur stärker rezipiert werden. Vorgeschlagen wurde
auch, Schulbuchvergleiche als universitäre Examensarbeiten zu vergeben,
sowie seitens muslimischer Organisationen Informations-Homepages im Internet
zu erstellen, auf die die Schüler(innen) zugreifen könnten. Islamischerseits
wurde auch die Einrichtung islamisch-theologischer Lehrstühle an deutschen
Universitäten gefordert, andererseits wurde von den muslimischen Organisationen
verlangt, öffentlich eindeutiger Stellung gegen Menschenrechtsverletzungen
in muslimischen Ländern zu beziehen.
Als
Fazit möchte ich folgendes bemerken: Die genannten Anliegen der muslimischen
Organisationen als Interessenvertreter unserer muslimischen Mitbürger
sind ernstzunehmen und auch großenteils im Interesse unserer Gesellschaft.
Wir Religions- und Islamwissenschaftler(innen) haben die nötige fachliche
Kompetenz, sie in den Bereichen der korrekten Darstellung des Islam zu
unterstützen, wenngleich unsere gesellschaftliche Lobby leider zu
klein ist. Unsere fachliche Kompetenz ermöglicht es uns aber auch,
idealisierende Selbstdarstellungen als solche zu erkennen und zu relativieren,
was bisweilen notwendig ist,denn
manchmal tendieren muslimische Darstellungen des Islam in diese Richtung.
Die Frage, ob in Zukunft eher ein religionskundlicher, unparteiischer oder
zusätzlich zu den christlichen konfessionsgebundenen Unterrichten
ein islamischer Religionsunterricht hinzukommen wird, scheint sich zu Gunsten
der letztgenannten Option zu entscheiden, was uns jobsuchenden Religionswissenschaftler(innen)
sicher nicht so recht ist. Ein Modell wie der Hamburger Weg stellt meines
Erachtens einen guten Kompromiss dar, und böte auch Religionswissenschaftler(innen),
die sich über die rein fachliche auch eine dialogische Kompetenz erarbeitet
haben, Betätigungsfelder.
P.S.:
Ein Kritikpunkt an französischen Schulbüchern war der, dass darin
zu oft der Konjunktiv verwendet werde, wodurch zum Ausdruck gebracht werde,
dass der jeweilige Autor das, was er darstelle, bezweifele. Der in diesem
Tagungsbericht benutzte Konjunktiv bedeutet hingegen nur eine indirekte
Zitation von in den Redebeiträgen geäußerten Sachverhalten.
Freilich
haben wir auch die Bayrische Biergarten-Kultur getestet (Freitag Abend)
und das malerische Städtchen samt Wagners Villa und dem dortigen Hofgarten
bei bestem Wetter auf uns wirken lassen. Am Sonntag bekamen wir zum Abschluss
noch eine Führung durch die Bayreuther Synagoge (wenngleich die einführenden
Worte der Bayreuther Studentin, die diese Besichtigung ermöglicht
hatte, informativer waren als der Vortrag des Gemeindevorstehers). Als
wir zurückfuhren, waren wir einstimmig der Überzeugung, dass
diese Veranstaltung nicht nur perfekt organisiert war, sondern dass wir
– nicht zuletzt bei dem gelungenen Fest am Samstag Abend, wo unter anderem
die Bayreuther Professorenband (!) spielte und die Hebräischdozentin
französische Chansons vortrug – etwas ganz Besonderes erlebt hatten:
Spannende Begegnungen und Gespräche, sowohl fachlich als auch persönlich.
Wir als Fachschaft waren froh, dass an dieser Fahrt gerade auch eine ganze
Reihe ErstsemestlerInnen teilgenommen haben, weil wir so die Verankerung
mit dem Fach und gleichzeitig die Vernetzung und den Kontakt zwischen den
Studierenden nachwachsen sehen.
Die
Fachschaft hat die Fahrt nach Bayreuth dabei entscheidend mitfinanziert,
da uns viel an der Tradition der Symposien liegt – gewährleistet sie
nicht nur, auch mal in ganz andere Forschungsgebiete Einblick zu gewinnen
als die, die den Schwerpunkt des eigenen Seminars bilden, sondern bietet
auch die Möglichkeit, direkt mit anderen Mitstudierenden anderer Universitäten
in Kontakt zu kommen und sich über die verschiedenen Seminare zu informieren
und auszutauschen. Gleichzeitig ist es uns sehr wichtig, dass sich Studenten
bereits aktiv in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen. Diese Fähigkeiten
und Formen werden bei dieser Veranstaltung nicht nur geübt und geschliffen,
sondern werden auf einem beachtlichen Niveau bereits praktiziert.
Im
Vorjahr hatte das Symposion bekanntlich in Bonn stattgefunden – und wir
rechnen fest damit, auch beim Symposion des kommenden Jahres, das in Bern
stattfinden wird, wieder mit von der Partie zu sein – vielleicht mit einer
noch um alle diejenigen vergrößerte Gruppe, die dieses Ereignis
dieses Jahr verpasst haben?
ElkeTrefz-Winter
lehrt seit dem WS 99/00 an unserem Seminar. Sie wurde 1941 geboren und
wuchs nach dem Krieg in Essen auf, wo sie ein humanistisches Gymnasium
besuchte. Von 1961 an studierte sie in Bonn Germanistik, Ethnologie und
Erziehungswissenschaften und schloss, neben dem Magistertitel, mit dem
ersten und zweiten Staatsexamen für das höhere Lehramt ab. 1970
verließ sie Bonn und lebte in verschiedenen Kommunen auf dem Land,
bis sie vor 11 Jahrenhierher zurückkehrte
und neben ihrer Arbeit an der Schule Religionswissenschaft studierte. In
dieser Zeit erfuhr sie, dass sie unter Multipler Sklerose leidet. Sie lebt
mit ihrem Freund zusammen in Bonn und schreibt Prosa, Gedichte und Dramen.
Wissenschaftlich setzt sie sich hauptsächlich mit dem Christentum
im Mittelalter auseinander.
S&S: Was motiviert Sie,
hier zu dozieren?
Herr
Hoheisel hat außerdem sehr dazu beigetragen. Er brachte mir bei,
dass man in der Religionswissenschaft wirklich begreifen kann, was Toleranz
ist. Das möchte ich auch weiterbringen. Ich habe natürlich schon
in der Schule versucht, Toleranz z.B. gegenüber ärmeren oder
schwächeren Kindern weiterzugeben. Aber hier kann man als Multiplikator
tätig sein und später werden auch die Studenten Multiplikatoren.
Während man in der Schule nie weiß, ob der Gedanke als solcher
weitergetragen wird.
Wenn
ich als Lehrende tätig bin, dann muss ich etwas nahe bringen, das
ich rundherum kenne oder im Laufe der Zeit kennen lerne. Wir müssen
uns demnach immer als Lernende verstehen, ich lerne auch immer noch. Bei
ganz bestimmten Sachfragen jedoch, die philologisch genau zu ermitteln
sind,muss icheinfach
Kenntnisse haben.
Sie interessieren sich darüber
hinaus auch persönlich für dieses Gebiet.
Ich
habe dann als Religionswissenschaftler geantwortet und ich merkte, dass
sie immer froh waren über meine Antworten. Sie wussten ja nicht, dass
ich als Religionswissenschaftler geantwortet habe. Und deswegen sage ich
im Gegenteil: Religionswissenschaft hilft Konflikte zu lösen, gerade
auch innerhalb einer Religion.
Außerdem
ist es unmöglich, keine Erfahrung bei der Begegnung mit Religiösem
zu machen. Erfahrungen macht man immer. „Nichtteilnehmende Beobachtung“
geht nicht, dann herrscht nur noch Indifferenz gegenüber dem Gegenstand.
Ich
muss mich allerdings davor hüten, falsch verstanden zu werden. Meditation
mitmachen ja, aber wer in sie wie in eine Sucht hineingeht, der erfährt
am Ende gar nichts mehr.
Wurden sie jemals schlechter
behandelt als Männer?
Welche Fähigkeiten wollen
sie an ihre Studenten heute weitergeben?
Dann,
die Fähigkeit, zunächst größtmögliche Neutralität
gegenüber dem Erfahrenen einzunehmen. Wenn Sie sofort hochfahren und
sagen: Nee, das ist ja unmöglich, was die da glauben, das ist gefährlich
oder das ist bescheuert. Wenn das sofort passiert, dann wird Genauigkeit
verhindert.
Nachdem
man sich mit einem Gegenstand auseinander gesetzt hat,muss
man sich allerdings immer überlegen: Welche Gefahren bestehen für
die Gegenwart innerhalb einer Religion? Welche politischen Dinge werden
dadurch ausgelöst? Und dann: Wie kann man helfen, Konfliktpotentiale
zu reduzieren und die gewaltsame Austragung zu verhindern?
Sie,
die Studenten müssentätig
werden. Auch später, wenn Sie einen Beruf haben, der mit dem Gebiet
zu tun hat. Sie können nicht nur zusehen und sagen: Aha, Fundamentalisten
schlagen alle tot. Sie sollen diese Gewalt verstehen und Menschen anleiten
können, sie zu verhindern. Den Wissenschaftler im Elfenbeinturm sehe
ich gerade für die Religionswissenschaft nicht.
Stellen sie sich vor, Sie können
zaubern. Was wäre anders an der Uni?
Den
Wunsch nach Autorität gibt es jedoch, seitdem es die Menschen gibt.
Wenn ein Mensch sich selbst darstellen kann, dann ist er eine Autorität.
Damit ist dann aber nicht gemeint,ich
bin streng und prügele und lasse keine Ausnahmen zu.
Die
Forderung nach Autorität zeigt schließlich folgenden Wunsch:
Dass die Lehrenden zeigen, dass sie Personen mit einem Stück Identität
sind, das sie kundtun und nicht verbergen.
Was
aber tun ausgebildete Religionswissenschaftler? Sie nehmen sich beispielsweise
die Zeit, eine ganze Seite für die gleichnamige Wochenzeitung vollzuschreiben.
Über Kinderkram. Pokemon = Pocketmonster. Sie
leben auf einer Insel, hunderte von ihnen, und haben alle unterschiedliche
magische Kräfte. Auf der Insel wohnen auch Menschenkinder. Sie schaffen
es manchmal, einzelne Pokemons kennen und lieben zu lernen, um sie zu zähmen,
fast wie der kleine Prinz seinen Fuchs. Dann helfen die Pokemons mit ihren
unterschiedlichen Fähigkeiten den Menschenkindern gegen die Team-Rocket-Bande,
die Liebe und Wahrheit zugunsten von Macht vertilgen wollen.
Michael
von der Brück, Religionswissenschaftler an der Münchner Uni,
schreibt über den weltumspannenden Kinderhype, der vielen von ihnen
ihr letztes Taschengeld und ihren Müttern die letzten Nerven kostet.
Sein Fazit: Die Pokemons verzaubern die entzauberte Welt und sind ein Ausdruck
des weltweiten Booms der Religionen.
Von
der Brück untersucht mit unseren Methoden ein modernes Phänomen
und kommt zu weiteren interessanten Eindrücken, die etwas tiefer schürfen
als sein Fazit. Eins ist ihm klar und wohl auch unbestreitbar: Die Pokemons
ziehen ihren Erfolg auch aus dem Bedürfnis nach einer Utopie. Die
bietet Nintendo an. Eine lebendige Utopie, die sich in vielen Gesprächen,
beim Tauschen der Bildchen und in immer neuen Fernsehfolgen beständig
weiter ausformt und so dynamisch bleibt.
Dass
diese Utopie von einem Konzern gesteuert wird, ist eine Tatsache über
deren Bewertung ein guter Wissenschaftler sich bei seiner Analyse
enthalten soll. Nicht aber die Eltern der Kinder. Und meiner Meinung nach
sollte ein Wissenschaftler, der von Steuern bezahlt wird, seine Analyse
durch eine Bewertung ergänzen. Man kann den Trend verteufeln und den
Kindern überlassen oder versuchen, damit kreativ umzugehen.
Wer
kann das den Kindern bieten? Manche Eltern bestimmt. Und die anderen Kinder?
Schon mal was von LER gehört?
Ob
ein Artikel über Pokemons die Religionswissenschaft adäquat repräsentiert,
darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Auch darüber, ob
ein Religionswissenschaftler LER an der Schule unterrichten soll, ob solch
ein Fach überhaupt Sinn macht. Aber eins ist offensichtlich angesichts
unserer Medienpräsenz. Es gibt wichtige Fragen in der Gesellschaft,
die wir besser beantworten können als viele andere. Und es gibt Jobs,
zu denen Fähigkeiten nötig sind, die Studenten an den Religionswissenschaftlichen
Seminaren lernen. Die beiden Beispiele beantworten nicht die Frage, was
Religionswissenschaft ist oder soll. Sie geben lediglich einen Hinweis,
welche unserer Antworten und Fähigkeiten gebraucht werden.
3 nach der Verfassung der Mark Brandenburg von 1947, die bald von den Kommunisten annulliert wurde.
eigenen
Identität
Im
intensiven, auch öffentlichen Konsum des Ganjas durch die Rastas zeigt
sich ein bewusstes Ignorieren der Gesetze des „weißen Systems“. Ganja
wird dadurch zum Symbol des Widerstandes, des Protestes und der Freiheit
vom Establishment. Dies wird noch durch seine ihm nachgesagte medizinische
Wirkung verstärkt, weil man dadurch nicht auf die westliche Medizin
angewiesen ist. Weiter wird die Bedeutung des Krautes positiv gesehen:
In den Augen der Polizei und des Staates ist es eine gefährliche Droge
(Barrett, 1997: 87), in den Augen der Rastas ist die Einnahme von Ganja
jedoch ein heiliges Sakrament. Dies erlaubt insgesamt eine klare Abgrenzung
gegenüber dem „weißen System“ und seinen Gesetzen und Ansichten.
Und nicht zuletzt verbindet man im Westen mit dieser Droge meist die Rastafari-Bewegung.
Somit ist Ganja nicht nur innerhalb der Bewegung identitätsbildend,
sondern es ist auch ein Merkmal, das ihr von außen zugeschrieben
wird.
Den
sogenannten „Ital-Food“2 möchte ich hier
als weiteres Element ansprechen. Die Rastas definieren ihn als vegetarische
Nahrung, die nicht durch künstliche oder chemische Mittel verändert
wurde (Gebre-Selassie, 1989: 149). In ihrer Perspektive produziert die
Mutter Natur diese Nahrung im Überfluss, die westliche Welt aber hat
angefangen den Planeten systematisch zu zerstören und die Tiere zu
essen. Der Rasta jedoch weigert sich, die göttliche Schöpfung
durch die Konsumierung schwächerer Lebewesen zu beflecken oder zu
entweihen (Gebre-Selassie, 1989: 149). Auch Konservennahrung gilt als „tot
und begraben“ und Tabak und Alkohol werden strikt abgelehnt, weil dies
„weiße“ Techniken des Massenmordes seien (Davis, Simon, 1992: 75).
Hinzu kommen noch Salz, Weißmehlprodukte, Kakao, Kaffee, Milch und
Sodawasser, die auch nicht konsumiert werden dürfen (Gebre-Selassie,
1989: 153). „Ital-Food“ besteht somit neben Ganja hauptsächlich aus
Reis und Gemüse, Früchten, Säften und Kräutertees und
verhelfe zu einer gesunden Existenz und zu einem langen Leben (Barrett,
1997: 141f).
Gerade
der letzte Punkt ist deshalb wichtig, weil diese Überzeugung den Rastas
Unabhängigkeit vom westlichen System, insbesondere von der medizinischen
Infrastruktur der Gesellschaft, garantiert. Bedeutsam ist darüberhinaus
der Glaube, dass der Tod über die Nahrung kommt, die die Weißen
zu sich nehmen: „In eating flesh or fish, dem eat death, (...). I
and I call dem living deads, but Rasta eat plants, which means life“
(Kremser, 1996: 23). Die
Rastas bekennen sich also in ihrem Verständnis durch ihre Nahrung
zum Leben, während die Weißen sich durch ihre Ernährung
ihr eigenes Grab schaufeln. Verstärkt wird diese negative Zuschreibung
auf das Gegenüber noch durch deren Konsumverhalten, welches angeblich
die Welt Gottes befleckt.
Das
auffallendste Merkmal der Rastafari-Bewegung sind die Dreadlocks.
Auf die Frage, warum sich die Rastas Dreadlocks wachsen lassen, gibt es
mehrere Antworten. Meistens wird auf einige Passagen in der Bibel verwiesen,
in denen dem von Gott Auserwählten verboten wird, seine natürliche
Haartracht zu ändern.3
Das offizielle Symbol der Äthiopier, der Löwe, unterstreicht
weiterhin die Rechtfertigung der Locken, die oft mit der Mähne eines
Löwen verglichen werden (Barrett, 1997: 142). Ziemlich sicher entstanden
die Dreadlocks jedoch, als die Rastas Bilder von Freiheitskämpfern
in Kenya sahen, welche ihr Haar auch auf diese Weise trugen, und aufgrund
der positiven Identifikation mit ihnen begannen ihr Haar auch in „locks“
zu tragen (Campbell, 1985: 95).
Für
die Rastafari-Bewegung ist das Tragen der „Dreadlocks“ das primäre
Zeichen der Zugehörigkeit zu ihrer „Philosophy and Culture“ als auch
Ausdruck des Widerstandes gegen die westlich beeinflusste Gesellschaft.
Dies wird bereits aus den oben genannten Argumenten ersichtlich: Befolgung
von Gottes Befehl, Verbindung mit Äthiopien, Kampfgeist und der Löwe
als Symbol der Kraft. Zudem symbolisieren die Dreadlocks für Rastafari
Natur, Wildheit, Ursprünglichkeit und Ungezähmtheit. Darauf spielt
auch der Name an, denn „dread“ bedeutet schrecklich und fürchterlich
(Haus der Kulturen der Welt, 1992: 17). Die „Locks“ sind aber auch eine
Anspielung auf die Tatsache, dass in allen Ländern, in die Afrikaner
als Sklaven verschleppt wurden, europäisches glattes Haar als schön
und gut, krauses Haar dagegen als hässlich und schlecht galt und gilt
(Barrett, 1997: 138). Mit dem so offensichtlichen Hervorheben des afrikanischen
Haares in den Dreadlocks wird diese Zuschreibung des Schlechten nun aufgenommen
und in neuer Deutung als Natürlichkeit und Ursprünglichkeit ins
Positive gekehrt. Zudem steht mit der Haartracht eine ethnische Komponente
in Verbindung: Wirkliche Dreadlocks können nur Schwarze tragen, weil
sich ihr Haar auf natürliche Weise in Locken legt (Gebre-Selassie,
1989: 71). In den Dreadlocks bündeln sich somit die Identität
und der ganze Stolz der Rastas, indem sie ein Symbol für ihren Status
als Schwarze, für Natürlichkeit, Würde und Heiligkeit darstellen.
Als
letztes Element möchte ich hier den Ausdruck „Babylon“ vorstellen.
Parallel zur Vertreibung der Juden im Alten Testament sehen sich die Rastas
durch die Sklaverei in die westliche Welt, für die Babylon steht,
ins Exil verbannt (Tucker, 1980: 110). Babylon steht unter der konstanten
Kritik und Verdammung der Rastas. Rom als Fortdauer der Macht Babylons
wird als dessen Zentrum gesehen. Die römisch-katholische Kirche war
aus der Sicht der Rastas hauptverantwortlich für die Kolonialisierung
und wirkte entscheidend mit bei der Rechtfertigung der Sklaverei (Tucker,
1980: 91). Sie sei zudem zuständig für die Missionstätigkeit
gewesen, durch welche ihnen eine Religion aufgezwungen wurde, in der alle
Tugenden „weiß gemalt“ seien und alles Übel schwarz (Gebre-Selassie,
1989: 186). Aber auch England wird wegen seiner Geschäfte mit dem
Sklavenhandel und der Zerstörung der afrikanischen Kultur durch die
Entführung der Ahnen der Schwarzen in den Westen verdammt. Die Engländer
bestanden nach Meinung der Rastas auch darauf, dass alle Afrikaner, um
richtig erzogen zu werden, in britische Schulen gehen und in die Sprache
und Geschichte Englands eingeführt werden sollten, was die Gehirnwäsche
geistiger Sklaverei vollendete (Gebre-Selassie, 1989: 181). Auf diesem
Hintergrund lehnen die Rastafaris das System Englands, die Politik Jamaikas
und seine Regierung ab, weshalb sie sich auch weigern zu wählen oder
Steuern zu bezahlen. Auch die Bildungseinrichtungen werden abgelehnt, da
sie die Werte der verhassten Gesellschaft vermitteln (Breitwieser, Moter,
1981: 24).
„Weg
vom Babylon der Weißen, zurück zu den afrikanischen Wurzeln“(Schönburg,
1981: 10). Dieser Ausspruch stand, wie ich versucht habe zu zeigen, bereits
in den vorher besprochenen zentralen Elementen der Rasta-“Philosophy and
Culture“ eindeutig im Zentrum.Mit
der Aufforderung zum Rückzug aus der weiteren Gesellschaft hat Rastafari
aber auch ein Instrumentarium zur Kritik der post- oder neokolonialen Machtstrukturen
bereitgestellt: Anstatt als ewige Zweite in der bestehenden Sozialordnung
weiterhin auf der Stelle zu treten, erklären viele ihren Ausstieg
aus dem Babylon-System, das sie seitdem als illegitim bezeichnen (Kremser,
1996: 24). Doch diese Haltung stellt eben nicht nur eine Absage an das
westliche System und somit eine totale Abgrenzung ihm gegenüber dar,
sondern sie impliziert, durch die negative Zuschreibung auf das System,
auch eine Aufwertung und eine Legitimierung der eigenen „Philosophy and
Culture“.
Die
Konstruktion einer „Rastafari-Identität“ ist also vor allem auf drei
Dinge zurückzuführen. Erstens haben sich die Rastas mit Hilfe
ihrer „Philosophy and Culture“ ganz klar gegenüber dem weißen
Christentum, England und der weißen Oberschicht in Jamaika abgegrenzt.
Ihren Höhepunkt erreicht diese Abgrenzungsstrategie im Ausdruck „Babylon“.
Zweitens kommt es zu einer extrem starken Betonung von allem, was schwarz
und afrikanisch ist. Dies geschieht einerseits durch die Schaffung eines
neuen, afrikanischen Bezugssystems und andererseits durch die Erhöhung
von Dingen, die schwarz, afrikanisch und in Babylon negativ behaftet sind,
oder durch die negativen Zuschreibungen auf das weiße System. Der
externe Referenzpunkt ist somit nicht mehr Europa, sondern Afrika. Und
nicht zuletzt versuchen die Rastas sich mit Hilfe von Regeln, von Geboten
und Verboten gegen außen abzugrenzen und gleichzeitig einen Konsens
im Innern herzustellen. Zusammengefasst kann dementsprechend gesagt werden,
dass die Bewegung eine Auflehnung gegen eine fremde, auferzwungene und
von fremden Symbolen dominierte Identität darstellt und gleichzeitig
die Schaffung einer neuen, positiven Identität beinhaltet.
3Zum
Beispiel in Levitikus 21: 5.
Campbell,
Horace 1985:
Rasta and Resistance. From Marcus Garvey to Walter Rodney. London.
Davis,
Stephen, Peter Simon 1992:
Reggae Bloodlines. In Search of the Music and Culture of Jamaica. New
York.
Eberhart,
Heinrich, Anne Schleeger et al.
1980: Reggae und Karibik. Volkshochschulen und der Themenbereich Afrika,
Asien und Lateinamerika. Materialien 18. Bonn.
Epp,
Rainer, Klaus Frederking
1982: Dub Version. Über Jamaikas Wirklichkeit. Berlin.
Gebre-Selassie,
Girma
1989: Babylon muss fallen. Die Rasta-Bewegung in Jamaika. Nürnberg.
Haus
der Kulturen der Welt der Welt
1992: Rastafari-Kunst aus Jamaica. Berlin.
Kremser,
Manfred
(Hg.) 1996: Ay BoBo. Afro-Karibische
Religionen. Teil 3: Rastafari. Wien.
Loth,
Heinz-Jürgen
1991: Rastafari. Bibel und afrikanische Spiritualität. Kölner
Veröffentlichungen zur Religionsgeschichte, Band 20. Köln, Wien.
Naliwaiko,
Alja 1982:
Rastafari. In: Epp, Rainer, Klaus Frederking (Hg.) 1982: Dub Version. Über
Jamaikas Wirklichkeit. Berlin. 118-139.
Schönburg,
Wolf-Christoph von
1981: Kontra Babylon. Reggae – religiöse und soziale Botschaft aus
Jamaica. Lilienthal bei Bremen.
Tucker,
Gil
1980: Teer und Tempel. Gedichte und Texte aus Jamaica. Zürich.
Vieth,
Udo, Michael Zimmermann
1981: Reggae. Musiker – Rastas – und Jamaika. Frankfurt am Main.
Tötungen – Gewalt aus der
Seele. Versuch über Ursprung und Geschichte des Bewußtseins
von Holger Nielen
Giegerich
beginnt mit der Feststellung, dass die heutigen Gewalttaten vom modernen
Europäer zwar verabscheut und gefürchtet würden, dass von
ihnen andererseits aber auch eine große Faszination ausgingen. Man
könnte auf die Frage „Gewalt – warum?“ umstandslos zugehen und sie
direkt zu beantworten versuchen. Andererseits könne man aber auch
„das Verhältnis zwischen uns und dieser Frage zu klären“
(11) versuchen. Während etwa für einen spanischen Stierkämpfer
Gewalt etwas fraglos Selbstverständliches und sogar Sinnerfüllendes
sei, so wie etwa auch der Krieg für die Menschen früherer Zeitalter
etwas Selbstverständliches gewesen sei, sei der moderne Mitteleuropäer
mit seiner Frage „Gewalt – warum?“ aus dieser Selbstverständlichkeit
herausgefallen. Er ist gegen „Krieg, gegen Kolonialismus und Imperialismus,
gegen Folter, gegen Terrorismus, gegen Vergewaltigungen, gegen die Tötung
ungeborenen Lebens... gegen strukturelle Gewalt.“ (12) Von daher kommt
Giegerich zu der Feststellung: „Der heutige Mitteleuropäer hat ein
gestörtes Verhältnis zur Gewalt.“ (12) Das heiße nun nicht,
dass er nun für die Gewalt sein solle und dann kein gestörtes
Verhältnis zu ihr hätte. Er könne vielleicht zu verstehen
suchen, welches Motiv bspw. hinter dem Stierkampf stecke, aber „ohne Verdrängungs-
und Verleugnungsmechanismen“ (13) könne er nicht wirklich hinter das
Erleben dieses Kampfes als sinnlose Tierquälerei zurück. „Ohne
Verleugnung seiner wirklichen menschlichen Interessen und der Bewußtseinsstufe,
auf der er steht“ könne er nicht mehr „ernsthaft für den
Stierkampf oder den Krieg sein.“ (13)
Warum
aber die nicht endenwollenden Reden gegen die Gewalt? Giegerich erklärt,
dass das Demonstrieren gegen die Gewalt einem bestimmten psychologischen
Bedürfnis entstamme. Denn die letzten Jahrtausende hätten klargemacht,
dass durch das Anpredigen gegen Gewalt diese nicht ausgerottet werden könne.
In Wirklichkeit zielten diese Demonstrationen ins Leere, weil sie an der
nach wie vor geschehenden Gewalt vorübergingen, ohne sie zu berühren
oder zu erreichen. Das Andemonstrieren gegen die Gewalt (so z.B. im Golfkrieg
1991) habe den primär narzisstischen Zweck, das eigene Bewusstsein
unschuldig zu halten. Indem es demonstriert, will das Bewusstsein die Wirklichkeit
der Gewalt widerlegen und sagen, dass ihm keine reale Seinsmacht zukomme,
sondern dass es etwas sei, das dem subjektiven Willen unterworfen sei.
(14) Damit aber spinne sich das Bewusstsein in einen idealen, aber unwirklichen
Raum von Sollen, Moral und Utopie ein. „Durch das Verdammen der Gewalt
versucht sich somit das Bewußtsein im Stande der paradiesischen Unschuld
zu halten... und sich vor dem Fall in die Anerkennung zu schützen,
daß es schon längst in einer wirklichen Welt mit wirklichen
Menschen lebt, wo Gewalt – gänzlich unbekümmert um unsere Gefühle...
– ein unerschütterlich wirkliches Ingredienz ist.“ (15)
Giegerich
erläutert nun weiter, dass die Tiefenpsychologie darauf aufmerksam
gemacht habe, dass Gewalt eine Grundmöglichkeit der Psyche sei. Hierbei
sei der Begriff des „Schattens“ eine Art Gegenbewegung gegen die Verdammung
des Bösen, weil hiermit versucht werde, die eigenen negativen Komponenten
des Menschen zu integrieren. Giegerich weist nun darauf hin, dass die Psychologie
selbst ebenfalls ein gestörtes Verhältnis zur Gewalt habe, gerade
weil sie sie dem Schatten zuweise. Werde aber das gewalttätige Verhalten
dem Schatten zugewiesen, heiße das doch, dass die bewusste
Persönlichkeit auf der lichten Seite anzusiedeln sei. Wenn ich den
Schatten also erkenne und zu integrieren trachte, also erkenne, „daß
ich Ich plus Schatten bin, dann habe ich zwar offenbar den Schatten integriert,
aber unversehens habe ich das Dunkle auch gleichzeitig in eine besondere
Schublade in mir abgestellt und sichergestellt.“ (16) Mein Schatten sei
zwar nicht draußen, ich müsse also keine Sündenböcke
suchen, aber die Projektion sei nicht in Wahrheit aufgehoben, sondern nur
nach innen verlagert worden. Ich selbst bliebe damit rein und unbefleckt.
Mit dem Schattenbegriff bleibe man genauso wie mit dem äußerlichen
Andemonstrieren gegen Gewalt auf der abstrakten Ebene von moralischer Phantasie
stehen. „Die Bewußtseinsstruktur von Gut und Böse wird aufrechterhalten.“
(17) Jedoch müsse man erkennen, dass das Wort „böse“ keinen theoretischen
Sinn habe, weil es nichts über die Wirklichkeit aussage, sondern nur
über den subjektiven Widerwillen, sich auf es einzulassen. Der Schatten
sei von daher erst dann integriert, wenn sein Begriff destruiert und überwunden
wäre. Umgekehrt wäre er aber auch dann nicht überwunden,
wenn wir „das Böse“ ganz auf uns nähmen und dem Ich
zuschrieben, weil wir uns dann mit ihm identifizierten und so beibehielten.
„Nur zu bereitwillig nimmt das Ich ja Schuld auf sich nach dem Spruch mea
culpa... sofern es sich damit nur das Prinzip des Guten... und so
die Unschuld der eigenen Seele retten kann.“ (18) Giegerich fordert daher,
dass das dem Schatten Zugewiesene für die Seele selbst zurückgewonnen
werden müsste. „Die Gewalt stammt nämlich nicht aus dem Schatten
als einer bestimmten Komponente der Psyche, sondern aus der Seele selber...
Auch die Gewalt, so abscheuerregend sie ist, hat eine seelische Dignität.“
(17f.)
Giegerich
macht darauf aufmerksam, dass ja Psyche nichts Seiendes sei, nichts, das
man ontologisch fassen könnte. Was ist Psyche dann? Der Psychologe
geht zunächst auf C.G. Jungs Versuche darüber ein. Nach ihm bestimme
sich das Unbewusste oder die Seele je nach Situation dazu, als Ich, Schatten
oder Anima zu erscheinen. Wäre ich aber ahnungslos von Anima und Schatten,
wäre mein Ich die ganze Psyche. Eigentlich wären Anima
und Schatten nicht noch nicht entdeckt, sondern noch gar nicht existent.
Erst wenn der Schatten ins Bewusstsein trete, schwinde der Glaube des Ichs,
es bzw. das Bewusstsein sei das Ganze. Insofern soll, quasi als nächster
Schritt, die Seele bezüglich des Gewaltbegriffs den Schatten ablösen.
Dieser sei zwar obsolet geworden, dennoch sei er ein notwendiger Begriff,
drücke er doch die erste Unmittelbarkeit der Erfahrung der unbewussten
Psyche aus. Von hier aus müsse sich die Psyche der Aufgabe der Schattenintegration
annehmen. Psyche versteht Giegerich nun als „lebendig-geistig und somit
als wesenhaft geschichtlich und nach der Vergangenheit wie der Zukunft
hin offen.“ (21) Die Psychologie sei keine Lehre über einen objektiven
Gegenstand außerhalb von ihr, sondern „Einheit von Gegenstand
(Psyche) und Lehre (Logos) über diesen Gegenstand. Das heißt,
es gibt hier... keine Psyche als ein Vorhandenes. Sondern dieser Gegenstand
ist immer schon in sich reflektiert. Der Gegenstand, von
dem die Lehre handelt, ist hier in ihm selbst schon Lehre über
sich.“ (21) Die Seele habe sich selbst ihre eigene Interpretation und Verfassung
gegeben und sei auch eben diese Verfassung selbst. Die Seele bestimme sich
selbst. Dies werde in den täglichen Träumen deutlich, wo sie
sich bald als alter Mann, dann als Frau, als Jüngling, als Kind, in
der Wüste, auf hoher See, in der Heimat oder in einem fremden Land
in verschiedenen konkreten Situationen konstituiere. „In jedem Traum gibt
sich die Seele als ganze ein neue ‘Verfassung’, setzt sie sich, so oder
so zu sein, in dieser oder jener äußeren Konstellation oder
inneren Befindlichkeit, in der
einen oder anderen Identität.“ (22) [Sperrung von mir, H.N.]
Insofern schaffe die Seele in jedem Traum die „Welt“ neu. Behaupte man
dagegen, dass im Traum Anteile der Persönlichkeit oder biographische
Episoden aus dem Leben des Träumers dargestellt würden, klammere
man sich noch an den Substanzbegriff, „wo dann die Träume bloße
Modi der sich durchhaltenden Substanz (Persönlichkeit des Träumers)
sind, – wohl aus Angst, haltlos, im freien Fall, in das Traumgeschehen
selbst abzustürzen.“ (22)
Wie
versteht Giegerich nun den Begriff Seele? Er benennt damit die „Unbekanntheit,
Offenheit und Unendlichkeit des Wesens des Menschen.“ (22) Er definiert
dies aber nicht im anthropologischen Sinne, weil die Anthropologie nach
dem längst positivierten, abstrakten Menschen, nach dem in der Faktenaußenwelt
vorhandenen Menschen frage. „Seele“ dagegen betrachte den Menschen von
innen, das Innerste und Eigenste des Menschen, „dessen Unendlichkeit darin
besteht, daß er nicht in dem biologischen Organismus der Exemplare
der species homo sapiens aufgeht.“ (22) Seele lasse sich nicht positivieren.
Sie ist vielmehr „immer schon die Einheit des Menschen und seiner Welt,
die Einheit von innen und außen – oder das ganze Weltverhältnis
des Menschen... Wäre die Seele als das Innerste des Menschen buchstäblich
innen, dann wäre sie umgrenzt, weil sie zur äußeren Wirklichkeit
eine Grenze hätte. Aber das Innerste ist so sehr innen wie außen.
Es ist, als ob man Afrika nicht als das Land definieren wollte, das ganz
von der durch die Umsegelung beschriebenen Linie umgrenzt und in ihr enthalten
wäre, sondern als den so umrissenen Kontinent zusammen mit all den
unendlichen Beziehungen... die er mit all seinen Staaten und Menschen zu
allen übrigen Kontinenten, Ländern, Menschen draußen sowie
zum Kosmos unterhält. Die Seele ist nur in dem Maße in uns,
wie wir auch in ihr sind, allseits von ihr umgriffen.“ (23) Deshalb sei
Seele nichts Vorhandenes im ontologischen Sinn. Sie sei ein in sich widersprüchlicher
Begriff, der nicht mehr vorgestellt oder wahrgenommen, sondern nur noch
gedacht werden könne. Seele sei die Einheit von Perspektive und Substanz,
die Einheit von Einheit und Differenz von innerem Erleben und äußeren
Tatsachen oder, um nochmal das Beispiel von Afrika zu bringen, Einheit
von Einheit und Differenz von Landkarte und Territorium. Sie ist das, „was
von dem Gegensatz von innen und außen, von Oberfläche und Tiefe,
losgelöst ist.“ (23) Sie sei keine vorhandene Substanz, sondern ein
logischer Begriff.
Damit
glaubt Giegerich, sowohl den Begriff der Gewalt der Seele zurückgegeben
zu haben als auch die Psyche als sich selbst bestimmend und in sich reflektiert
erkannt zu haben. Die vorstehenden Ausführungen dienen Giegerich,
um in historischen Phasen bis heute den „Tötungen“, der Gewalt aus
dem Bewusstsein, aus denen der Mensch erst Mensch wurde (so Giegerich),
auf die Spur zu kommen. Dies darzulegen soll nicht mehr meine Aufgabe sein,
aber vielleicht fühlt sich ja der eine oder die andere Leser/in dazu
aufgerufen, diesen Ausführungen selbst einmal nachzugehen; ein Buch,
das vor allem für die Religionspsychologie interessant werden könnte.
Manuel
Gogos: Raimon Panikkar Grenzgänger zwischen Philosophie, Mystik und
den Weltreligionen
(mit
einem Vorwort von Heinz Robert
Schlette)
Buchbesprechung von Michael
A. Schmiedel
Ein
Autor, der einen solchen Satz in das Vorwort seines Buches schreibt, hat
seinen Beruf verfehlt, so mag man denken. Nach der Lektüre von Manuel
Gogos Buch über Raimon Panikkar bin ich von nichts weiter entfernt,
als von dieser Schlussfolgerung. Wer allerdings eine Biographie erwartet,
wird enttäuscht sein. Eine individualhistorische Darstellung seiner
Person oder auch nur eine chronologische Erfassung seiner in verschiedenen
Sprachen und Überarbeitung erschienenen Werke wäre auch nahezu
unmöglich, da Panikkar dazu kaum Daten liefert und auch nicht liefern
will. Gogos Buch ist eine Darstellung von Panikars Person und Lebenswerk,
wie sie sich in dessen Büchern spiegeln und dabei eher eine hermeneutische,
denn eine historische Studie. Und dabei gelingt Gogos ein Drahtseilakt,
der dem Panikkars sehr ähnelt. Während Panikkar, Sohn einer spanischen
Mutter und eines indischen Vaters, nämlich ständig unterwegs
ist zwischen Christentum, Hinduismus, Buddhismus, Humanismus, Atheismus
und Agnostizismus, sowie zwischen Religion, Philosophie und Wissenschaft,
schrieb auch Gogos, Sohn einer deutschen Mutter und eines griechischen
Vaters, aus der Kenntnis wissenschaftlicher Theorie und meditativer Praxis
heraus, und es gelang ihm ein Buch, das zugleich eine Magisterarbeit im
Fach Philosophie und ein spiritueller Führer ist. Es ist ein Buch,
für das man Zeit braucht; seine Lektüre setzt eine innere Sammlung
voraus, wie ein Buch von Panikkar selbst auch. Es ist also auch nicht leichter
zu lesen, eher vielleicht sogar schwerer, aber es ist wie ein Konzentrat,
gewürzt mit Zitaten weiterer geistesverwandter Größen,
sparsam allerdings mit Kritik an Panikkar. Gogos wird der in der Einleitung
erwähnten hermeneutischen Maxime, dass Gleiches nur von Gleichem erkannt
werden kann, gerecht. Man spürt die Geistesverwandtschaft auf jeder
Seite, und wenn Kritik aufkommt, dann ist es eine mit Panikkar gemeinsam
geübte an einer Philosophie, die sich von ihrem eigentlichen Objekt,
der Sophia, also der Weisheit, entfernt hat, an der abendländischen
Trennung von Philosophie und Lebensführung, von Philosophie und Religion,
ja sogar von Religion und Wissenschaft. Gogos stellt Panikkar als einen
Menschen vor, der zeitlebens auf der Suche nach dem Zusammenfall der Gegensätze
ist, ohne dabei bequeme Kompromisse einzugehen. Zunächst gegensätzliche
Anschauungen und Lebenswege heben sich nicht in einer lauwarmen Mitte auf,
sondern heiß bleibt heiß und kalt bleibt kalt, aber sie brauchen
einander in ihrer Wechselwirkung, bedingen und korrigieren sich gegenseitig.
Wissenschaftlich
ist das Buch ein Muss, natürlich für Panikkar-Forscher, denn
es ist das erste seiner Art in deutscher Sprache, aber auch für Forscher
in den Bereichen interreligiöser Dialog und komparative Philosophie.
Spirituell ist es sehr empfehlenswert für jeden ernsthaften Sucher
nach einem eigenverantwortlichen Weg zwischen den Welterklärungs-,
Sinndeutungs- und Lebensführungsangeboten, die in Ost und West entwickelt
wurden.
Die
Lektüre dieses Buches zu empfehlen, ohne den eingangs zitierten Satz
zu widerrufen, ist eines der lebensnotwendigen Paradoxa. Wegwerfen kann
man nur, was man besitzt, und nach dem Wegwerfen ist man ein anderer, als
vor dessen Aneignung.
Manuel
Gogos: Raimon Panikkar, Grenzgänger zwischen Philosophie, Mystik und
den Weltreligionen.
Mit
einem Vorwort von Heinz Robert Schlette,
Mainz
2000. Grünewald,
ISBN
3-7867-2276-5, 182 S.,
48,- DM.
Da
war einmal Sascha Ewen, der sogleich zum Oberhaupt des Rates auserkoren
wurde. Er war es dann auch, der die Fachschaftsrätler immer wieder
von „hinter den sieben Bergen“ zusammenrief und sie all-montaglich um einen
gemeinsamen Tisch im „Zebulon“ versammelte. Da war ein gewisser Holger
Nielen, der bereits langjährige Rats-Erfahrung mit sich brachte und
stets darauf achtete, dass sich die „jungen Wilden“ auch an die bürokratischen
Anforderungen der Obrigkeiten hielten. Timo Bieber war das dritte Mannsbild
in der Runde. Er wird der Nachwelt vor allem wegen seines Auftrittes als
„Herodes“ bei einem Krippenspiel in den Räumlichkeiten der musikalischen
Genies in Erinnerung bleiben. Um die Verwaltung von Gold und Dukaten kümmerte
sich Agathe Hahn, die den Rat mit kostbaren Ideen sowie Zaubereien aus
ihrem heimischen Ofen versorgte. Als zweite Maid war Anke Terörde
mit dabei, die mit magischen Beschwörungsformeln die Fachschafts-
Heinzelmännchen an ihre arbeitsreiche Bestimmungen erinnerte. Der
aufmerksame Leser mag nun stutzen: Bekleideten nicht ursprünglich
sechs Rätler ein Amt? Eigentlich schon. Aber leider wurde Tudor Sala
schon nach wenigen Wochen von einem hinterlistigen Vampirwolf nach Rumänien
gerissen, denn er ward nimmermehr gesehen.
Aus
dem Dickicht des universitären Dschungels stieß nach einigen
Monaten dann Simon Benz dazu und brachte, durchaus Sieben-Meilenstiefel
tragend, frische Ideen in die konspirative Bande. Bis jetzt mag es den
Anschein erwecken, als hätten die Rätler ein fast schlaraffenland-gleiches
Leben gefristet. Doch was geschah in jenen Tagen wirklich?
Neben
dem traditionellen Festschmaus zu Beginn einer jeden Lern-Saison, in fremden
Zungen auch „Semester-Eröffnungs-Frühstück“ genannt, wurden
Einweih/sungen für Neuankömmlinge ins wunderliche Reich der akademischen
Studien gegeben, sprich: Ersti-Beratung. Von nah und fern herbei gerufen
wurden andere junge Wissenschaftler der Religionen, um sich bei einem „Symposium“
ein (freundschaftliches) Wort-Gefecht der Theorien zu liefern. Abgeschlossen
wurden jene Tage durch ein rauschendes Fest.
Ferner
sprachen an auserwählten Tagen geladene Gäste verschiedener religiöser
Richtungen über „Kontemplation und Meditation“. Außerdem mußten
die Rätler schon bald feststellen, dass mit dem Posthorn verkündete
Botschaften nur schwer bei ihren Empfängern ankamen, und somit stellten
sie sich auf die rasanten Entwicklungen ihrer Zeit ein und bedienten sich
von nun an eines elektronischen Postboten mit Namen „E-Mail-Verteiler“.
Zwischendurch erschlafften dann und wann die Kräfte der einstmals
„jungen Wilden“ und es ward ein wenig still um sie. Bis schließlich
ein Gesprächskreis sich wie Phönix aus der Asche erhob, in dem
man versuchte, den Gedanken von weisen, weniger weisen und sich-für-weise-haltenden
Denkern auf die Spur zu kommen. Als letzten Streich, der eigentlich gar
keiner sein sollte, erstellten die Rätler ein Bogen mit Questiones,
um die Lage im Lande, sprich: im Seminar, zu erheben. Manch eine der Antworten
sorgte für eigentlich nicht gewollten Wirbel und so hoffen Mentoren
wie Rätler nun, dass das Boot, indem alle gemeinsam sitzen, doch noch
den richtigen Kurs einschlagen wird.
Da
diese Geschichte eigentlich gar kein Märchen, sondern eine „Unendliche
Geschichte“ ist, ergab es sich, dass sich in den Tagen zwischen dem 11.
und 15. Juni 2001 erneut demokratisch gesinnte junge wie alte Standesgenossen
aufmachten und ihren Weg zu den Wahlurnen fanden und einer neuen Schar
junger Bürger, die ebenso realistische wie auch hehre Ziele vertreten,
ihre Stimmen abgaben. Diesmal brachten nun schon 34 von 176 mündigen
Wählern ein Kreuzchen zu Papier. Aus der „Schatztruhe“ (Wahlurne)
wurden folgende Stimmen gezaubert:
Simon
Benz 9 (König)
Katharina
Hitzler 7
Chr.
v.d. Kerckhoff 2 (Marschall)
Michael
Rydryck 1
Martin
Stappen 6
Anke
Terörde 9 (Kronprinzessin)
Und
wer verbirgt sich nun hinter diesen Namen? Manch einer mag sich entsinnen,
dass Simon Benz und Anke Terörde noch dem alten Rat angehörten.
Simon Benz stellte sein Können bei einem Gespräch zwischen Dozenten
unter Beweis und wurde somit zum König auserkoren. Mit kühnen
Gedanken bestückt und Kenntnissen im Gestalten von elektronischen
Texten bewaffnet ist Martin Stappen zum Rat gestoßen und wird sich
in den noch kommenden Monden besonders um „Sakrament und Sakrileg“ kümmern.
„Ach wie gut, dass niemand weiß... wie alt ich wirklich bin“ singt
Kathrina Hitzler ihr Lied. Sie ist der Islamwissenschaft kundig und hat
bereits die VWL studiert. Die Schätze des Rates wird Christian van
der Kerckhoff verwalten – auch wenn ihm der Umgang mit dem „schnöden
Mammon“ noch nicht ganz geheuer ist. Als „Ketzer aus Überzeugung“
bezeichnet sich Michael Rydryck. Dieser blonde Hüne hat den Bund mit
der Vergleichenden Religionswissenschaft erst unlängst geschlossen
und wird somit frischen Wind mit in die Runde bringen.
Und
wie wird dieses Märchen weiter gehen? Weg fällt an dieser Stelle
leider das obligatorische „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann...“
Denn selbst wenn manch ein Rätler gern mal seinen Phantasien freien
Lauf lässt und die kleinen und größeren Taten des Rates
in einer kleinen Geschichte wie dieser „verniedlicht“, so sollte nicht
der Eindruck entstehen, als hätte der Rat nur, einem Märchen
gleich, symbolische Bedeutung... Den Worten mögen Taten folgen und
somit haben sich die Rätler für das kommende Jahr ganz nüchtern,
aber auch nicht bier-ernst, folgende Aufgaben gestellten:
Angespornt
durch die Ereignisse der letzten Tage, die zumeist in Verbindung mit der
Fragebogen-Aktion stehen, hofft die Fachschaft, die Kommunikation zwischen
Dozenten und Studierenden zu verbessern. Ferner ist geplant, ab Mitte des
nächsten Semesters eine Vortragsreihe zum Thema „Bio-Ethik“ zu organisieren.
Wenn möglich sollen im kommenden Semester auch ein paar kürzere
Exkursionen angeboten werden. Ansonsten wird vieles wie schon in den bisherigen
Semestern weiter geführt: Regelmäßige Fachschaftssitzungen
(Zu der alle Studierenden herzlich eingeladen sind!!), Eröffnungsfrühstück,
Ersti-Beratung, Gesprächskreis, Weihnachtsfeier, Email-Verteiler....
Mehr
Kritik wünschenauch viele Studierende
bei Hausarbeiten und Referaten. Kritik wünscht man sich allerdings
konstruktiv, um mit Schwächen arbeiten zu können und Fehler zu
korrigieren. Manch einer hat die Anonymität genutzt um ungehindert
Sarkasmus zu versprühen. Überlegt Euch mal die umgekehrte Situation:
Die Dozenten dürfen – anonym – ihre persönlichen Kommentare zu
Studenten abgeben. Würde bestimmt nicht jedem gefallen.
An
viele Vorschläge und Wünsche kann jedoch ein sinnvoller Austausch
über die Gestaltung der Lehre in unserem Seminar anknüpfen. Die
folgende Zusammenfassung soll nur einen groben Überblick geben. Die
einzelnen Aussagen kann man in der Bibliothek einsehen.
Zuerst
zum Inhalt: Was wollen die Studierenden hier überhaupt lernen? Die
Ergebnisse deuten auf eine relative Harmonie des Chaos in der Begegnung
von Angebot und Nachfrage hin. In der letzten S&S legte Prof. Hutter
dar, dass unsere Seminar seine Stärke vor allem aus der Vielfalt zieht.
So auch die Wünsche der Studenten.
Ein
Drittel will besondere religiöse Strömungen behandeln, von den
Ägyptern bis hin zu Managerreligiosität reicht das Spektrum.
Ein zweites Drittel der Aussagen beziehen sich auf die Untersuchung einzelner
Phänomene in verschiedenen Religionen. Das dritte Gebiet, das Studierende
interessiert, ist das Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Religion.
Neben
einzelnen Themen taucht immer wieder der Wunsch nach Gegenwartsbezug auf.
Man will lebendige Religion verstehen. Viele Studierende vermissen aber
auch einfach eine Grundlagenausbildung. Vielleicht habt ihr ihn noch nicht
gesehen: Ganz hinten im Vorlesungsverzeichnis steht der Faktenkurs, der
auch mehrmals gelobt wird. Oder liegt es an der Uhrzeit, dass so wenige
hingehen? Zu den Grundlagen gehören auch die Methoden: Hier können
nicht alle angeboten werden. Aber bei den verschiedenen Philologien, der
Ethnologie, der Soziologie, der Psychologie, dem historischen Institut,
den Geographen gibt es solche Kurse. Man muss halt suchen. Besonders gelobt
wird auch die Themenwahl von Prof. Hoheisel. Ob er den Wunsch nach Praxisseminaren
zu seinen Vorlesungen erfüllen kann, müsste jedoch vorher vom
Ministerium eingehend geprüft werden…
In
den Kästchen in am Seitenende finden sich die Hitlisten, die sich
aus der durchschnittlichen Berwertung von Methoden, Disziplinen und Religionen
ergeben. Die Tendenz geht in Richtung Gegenwart und direkter Begegnung,
Psychologie und Soziologie scheinen beliebter als die klassischen Richtungen.
Verwirrend die Religionshitliste: Zoroastrismus steht an letzter, und das
Christentum an erster Stelle. Doch auch wer nur die Glaubensinhalte heutiger
Christen begreifen will, kommt um zoroastrische Ideen schwer herum, auch
wenn er es nicht merkt. So eine Befragung hat eben ihre Grenzen, wenn man
nur von quantitativen Bewertungen ausgeht. Macht aber trotzdem Spaß.
Am
erfreulichsten für uns alle dürfte aber das viel versprühte
dicke Lob über die Atmosphäre am Seminar sein. Ob bei der „netten
Dame im Geschäftszimmer“, den Bibliothekskräften oder den Dozenten.
Man wird „offen empfangen“, „respektvoll behandelt“ und „als Person wahrgenommen“.
Vertrauen zählt neben notwendigen Regeln. Dass unser Seminar da eine
große Ausnahme ist, weiß jeder, der schon vonUnimenschenmassen
in Hörsaalhöllen verschlungnlungen wurde, vor überfüllten
Anmeldelisten Monate vor Seminarbeginn kapitulieren musste oder in Hetze
Hausarbeiten fertiggeschlampert hat, weil der Abgabetermin unverrückbar
festgemeißelt war oder das Buch dringend wieder abgegeben werden
musste. Wir könnenes uns hier
scheinbar leisten, Zeit für Freundlichkeit und Eigenwilligkeit zu
bewahren. Wie wichtig das den Studierenden am Seminar ist, hat die Umfrage
gezeigt. Warum taucht dieser Punkt bei den alljährlichen Uni-Rankings
von Spiegel, Focus und Konsorten eigentlich nie auf?
Nach
der guten Nachricht am besten gleich die schlechte. Zu der Gestaltung der
Seminare und Veranstaltungen gab es über 100 Aussagen. Sie waren größtenteils
sehr kritisch. Mehr Diskussion und Dialog wurde am häufigsten gewünscht.
Es besteht ein Bedürfnis, gemeinsam ein Thema zu erarbeiten anstatt
langen Vorträgen von Studenten oder Dozenten zuzuhören. Gleichzeitig
wird der Wunsch deutlich, daß die Dozenten Gespräche leiten
und klar Position beziehen. Viele Studenten heben ihren Wunsch nach guter
Struktur heraus und loben entsprechend.
Vielmals
taucht auch der Wunsch nach mehr Answeisungen auf. Das bezieht sich auf
viele Bereiche. Studierende fühlen sich bei der Gestaltung von Referaten
alleine gelassen, der Formulierung und dem Aufbau von Hausarbeiten aber
auch bei konkreten inhaltlichen Fragen. Manche vermissen pauschal Interesse
der Dozenten an ihrem Studienverlauf, andere schreiben, sie hätten
Schwierigkeiten zu erfahren, was sie besser machen können.
Im
weiteren werden die Sitzordnung, der geringe Einsatz von Medien und andere
didaktische Einzelheiten angesprochen.
Hier
ist nicht der Ort um diese Aussagen zu diskutieren oder zu interpretieren.
Jeder Dozent hat seinen eigenen Stil und seine eigenen Stärken. Die
meisten Aussagen waren aber pauschal oder sind hier vereinfacht wiedergegeben.
Es gibt trotzdem eine eindeutige Botschaft: Zwischen der Stundengestaltung
und den Wünschen der Studierenden gibt es eine Kluft. Ich persönlich
glaube nicht, daß sie in diesem Maße beabsichtigt ist, sondern
denke, dass fehlende Kommunikation ein großer Grund ist.
Damit
Kommunikation funktioniert, gehört auf der einen Seite ein offenes
Ohr. Aber genauso auf unserer Studentenseite der Mut zu dummen Fragen und
dazu, Probleme direkt anzusprechen, wenn sie auftauchen.
Das
ist im Gespräch viel einfacher und wirkungsvoller als auf dem Papier.Deshalb
kann eine solche anonyme Evaluation von Meinungen nur ein Anstoß
dazu sein, Sprechstunden besser zu nutzen, in Seminaren mitzugestalten
und aufmerksamer bei den angesprochenen Themen zu sein. Wir von der Fachschaft
wollen versuchen, als Forum für den Austausch über diese Themen
zu dienen.
Es
tut sehr gut, wenn man andere kritisieren kann. Man lehnt sich dann zurück
und schaut, was besser wird. Diese Haltung sei jedem manchmal gegönnt,
auch unseren Dozenten. Sie haben nämlich auch ganz schön Kritik
zu verteilen – oder sind enttäuscht: Auch wenn die Tür zum Gang
der Dozenten – wahrscheinlich aus brandschutztechnischen Gründen –
geschlossenist, die Türen der
Arbeitszimmer sind immer offen. Und oft kommt nicht einmal zu den Sprechstunden
jemand vorbei. Wer mehr Kritik will, kann danach fragen. Wer mehr Diskussionsleitung
will, kann auch mal in der Stunde seine Meinung zu Beiträgen von Kommilitonen
sagen, die im Thema nichtweiterführen.
Und unter uns: Auch richtige Professoren kriegen ihre Texte oft nicht bis
zum Termin fertig oder schlampen manchmal einen Vortrag zusammen. Deshalb
wird niemand böse sein, wenn im Seminar es Euch auch so geht. Kommt
einfach kurz vorbei, oder ruft an und sagt bescheid, denn außer jemanden
hängen zu lassen ist fast alles o.k.
Statistische Angaben
Männlich:
28, Weiblich 12;Hauptfach:
16, Nebenfach 24
Alter:
zwischen 20 und 60, Im Schnitt 28,9. Der Median liegt bei 26, d.h. die
Hälfte der Studierenden ist 26 oder jünger.
Fachsemester:6
im Schnitt (Median: 5), höchstens 21. 6 haben schon im Ausland studiert.
Durchschnittlich
belegten die Studierenden 7,5 SemesterWochenStunden (Die Hauptfächler
im Schnitt 8,7 SWS).
Wie
schon gesagt: Niemand studiert hier weil er oder sie sich einen gutbezahlten
Beruf erhoffen. Nur 12 Leute haben mehr oder weniger konkrete Berufswünsche.
Viel wollen an der Uni bleiben, vier erhoffen sich Arbeitsmöglichen
in der Internationalen Zusammenarbeit und die anderen in der Fortbildung
oder im journalistischen Bereich.
Die
Motivation zum Studium sind persönlich. „Wahrheitssuche“, gesellschaftliche
Verständigung und besseres Verständnis anderer Kulturen werden
genannt. 3 sehen das Fach als ideale Ergänzung zum Ethnologiestudium,
einer zum Hauptfach Politik.
Fachschaftsrat
Von dreißig Aussagen gibt es vier, die noch nichts von einem Fachschaftsrat gehört haben und daher keine Meinung haben. Die anderen loben einstimmig (DANKE!). Dreimal werden offene Sitzungen o.ä. gewünscht.
Chart
der Religionen
Welche
Religionen behandeln ?
(1-wichtig,
5-unwichtig)
1.
Christentum (2)
2.
Buddhismus (2,1)
3.
Hinduismus (2,1)
4.
Islam (2,1)
5.
Judentum (2,3)
6.
Religionen schriftloser Völker (2,4)
7.
Neureligiöse Strömungen (2,5)
8.
Neue Religionen (2,8)
9.
Religionen der Antike (2,8)
10.
Taoismus/Konfuzianismus (2,8)
11.
Sikhs (3,2)
12.
Manichäismus/Gnosis (3,3)
13.
Zoroastrismus (3,4)
Rangliste
der Methoden
Bewertung
der Methoden
(1-wichtig.
5-unwichtig)
1.
Feldforschung/Empirie (1,9)
2.
Kulturwissenschaftlicher Ansatz (1,9)
3.
Historischer Ansatz (2,1)
4.
Hermeneutik (2,1)
5.
Konstruktivismus (2,4)
6.
Funktionalismus (2,6)
7.
Textanalyse und ihre Methoden (2,7)
8.
Philologischer Ansatz (2,9)
Zugang
zu den Religionen
(1-wichtig,
5-unwichtig)
1.
Grundlagenvermittlung (1,4)
2.
Gegenwartsbezug (1,6)
3.
Religionspsychologie (1,8)
4.
Religionsgeschichte (1,8)
5.
Religionssoziologie (2)
6.
Religionsethnologie (2,1)
7.
Religionsphänomenologie
(2,2)
8.
Religionsphilosophie (2,3)
9.
Religionstypologie (2,8)
10.
Religionsgeographie (3,2)