„Jetzt freu´ dich doch mal!“
-Rückschau zweier Examenskandidaten-
von Anselm Neft und Michael A. Schmiedel







Vernehmt  nun  den  informativen Dialog zweier Menschen, die den tückischen Gang durch´s Examen hinter sich gebracht haben:

A.: Michael, was war das Thema Deiner Magisterarbeit?

M.: Ich habe eine Feldforschung über buddhistische Gruppen in Bonn gemacht.

A.: Das klingt ziemlich aufwendig.

M.: Ist es auch. Glücklicherweise hatte  ich aus privatem Interesse schon vorher einige Gruppen kennengelernt und auch Material gesammelt. Worüber hast Du geschrieben?

A.: Über Satanismus im Heavy Metal. Auch wenn mir keinerglauben will, das Thema habe ich mir nicht ausgesucht. Es war Professor Hoheisels Idee.

M.: Bist Du im Nachhinein zufrieden mit Deiner Vorgehensweise?

A.: Ja, schon. Wie gesagt, man kann es - zumindest theoretisch - immer noch besser machen: Noch ein Buch mehr lesen, ein Bier weniger trinken etc. Blöd war nur, dass ich auf den letzten Drücker fertig geworden bin, obwohl ich zwischendrin recht viel Zeit hatte. Man sollte meiner Ansicht nach mindestens zwei Wochen vor Abgabe fertig sein, um die Korrekturen vernünftig durchführen zu können. Dabei ist man ja auch auf die Hilfe anderer angewiesen, die man nicht unbedingt eine Nacht vorher noch nötigen kann, 100 Seiten auf Rechtschreibfehler durchzulesen. Durch die Endhektik haben sich bei mir einige Formfehler gehalten, die nicht hätten sein müssen. Ausserdem geht so ein Stress auch auf die Gesundheit. Ich fürchte allerdings, es würde bei mir das nächste Mal genauso laufen... Alles in allem hat mir aber das Schreiben sehr viel Spass gemacht. Man konnte mal so ein bisschen in ein Thema eintauchen und sich nachher wie ein Experte fühlen. Ich sprach mit einigen - sagen wir - eigenwilligen Leuten, und in meinem Zimmer stapelten sich Bücher, Broschüren und CDs, die sicherlich auch den Verfassungsschutz interessiert hätten. Damenbesuch konnte man sich da abschminken, aber fragwürdige männliche “Freunde“ nahmen  zu. Auch  war die Motivation grösser als bei einer Hausarbeit - weil mir die Abschlussnote hier wichtiger war. Irgendwie war ich jeden Tag genervt, schreiben zu müssen, aber wenn ich dann drin war, hat es mir Freude gemacht. Ich bin im Nachhinein froh, an ein Thema geraten zu sein, daß mich persönlich beschäftigt hat und immer noch beschäftigt. Es mag seltsam klingen: Aber ich habe in dieser Zeit tatsächlich auch etwas über mich gelernt. Du hattest ja auch mit allerlei Vögeln zu tun. Wie war das für Dich?

M.: Das klingt m.E. gar nicht seltsam, dabei etwas über sich selbst zu lernen. Meine „Vögel“ waren Menschen [Meine überwiegend auch! A.N.], die meiner Forschung nicht immer nur zustimmend gegenüberstanden. So mancher wollte wissen, warum ich so einen Unsinn frage. Ich lernte also etwas über unterschiedliche Erkenntnisinteressen. Es war echt dialogisch, also ohnehin auf meiner Wellenlänge, wenn auch manchmal trotzdem nervig, denn die religionswissenschaftliche Perspektive plausibel zu machen, ist oft wie ein Kampf gegen Windmühlen. Auch bei Buddhisten gibt es die Möglichkeit, ihr Ego zu kränken, wenn man Dinge anders darstellt, als sie es gerne hätten. Zudem veränderte sich das Feld ständig. Einen Monat vor Abgabe der Arbeit wurde plötzlich das Karma Kagyü-Zentrum von Ole Nydahl geschlossen. Das musste ich natürlich noch einarbeiten. Es ist ein sehr fluktuierendes Feld, ein Kommen und Gehen. Buddhisten haben damit wenig Probleme, da Vergänglichkeit ja zu ihren Grundlehren gehört. Na, irgendwie wurde das Ganze dann doch fertig, zumindest vorläufig. Und dann habe ich erstmal Urlaub gemacht. Der Frühling war so schön! Aber es warteten ja noch die Prüfungen. Die Lernerei hätte ich auch wohl besser etwas früher begonnen, aber auch die drei Monate haben irgendwie gereicht, und trotz des Stresses und immer wieder neuen taktischen Versuchen, den Stoff zu bewältigen, war jeder Tag der Leserei spannend, denn es gab immer wieder neue Welten zu entdecken. Die Themen habe ich recht kurzfristig abgesprochen, mit Hoheisel im Juli, mit Wild im September und mit Waldenfels gar erst im Oktober, also schon nach der Klausur. Hattest Du da mehr Zeit?

A.:  Keineswegs!  Ich  habe  nach  Abgabe der Magisterarbeit  zwar 2 Monate nichts gemacht,  war  aber  trotzdem  dauernd  gestresst. Auf jeden Fall bin ich leichter in diesen inneren Druck reingekommen, als wieder raus. Die einzigen, die davon profitiert haben dürften, sind die Bonner Kneipenbesitzer. Ich habe auch etwa drei Monate vor den Prüfungen angefangen zu lernen. Die Literaturlisten-Absprache - etwa 8 Titel pro Thema, deren es im Hauptfach ja drei, im Nebenfach zwei zuzüglich der grundlegenden Dinge gibt - gestaltete sich nervig. Ich rate, dafür Zeit einzuplanen und mit Schrullen seitens der Professoren zu rechnen. Beim Lernen hatte ich dann oft das Gefühl, nicht genug zu tun, aber nicht den geringsten Bock, mehr zu machen. Das Stressigste war nicht das Lesen, Notieren und Merken, sondern die Zeiten dazwischen, wo ich nicht richtig abschalten konnte, weil ich dachte: „Ich müsste eigentlich noch...“ Das wurde nachher immer schlimmer. Vergleichbar vielleicht mit der chinesischen Tropfenfolter. Zudem habe ich sehr viel mit „meiner“ Band gemacht (Auftritte fast jedes Wochenende, Proben, Öffentlichkeitsarbeit) und energieraubenden Brassel mit dem anderen Geschlecht gehabt. Als „Satanismusexperte“ kann ich die alte Volksweisheit „Der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen“ nur bestätigen. Ich glaube, in der Examenszeit ist man ablenkbarer als sonst. Oder war das bei Dir anders?

M.: Ich war aber auch ganz dankbar für Ablenkungen, habe zum Beispiel sehr viele Konzerte besucht, gleichzeitig entwickelte sich aber auch ein richtig guter Drive. Zur Themenwahl möchte ich sagen: Hoheisel  erwähnte so oft den Sufismus,  daß ich dieses Thema ihm zuliebe genommen hatte. Die anderen Themen habe ich nach meinen eigenen Interessen vorgeschlagen, und sie wurden auch mehr oder weniger so angenommen. Richtig nervig war nur Arabisch. Wild meinte auch, ich hätte mir da einen schweren Text rausgesucht. Nun, dass der so schwer war, wusste ich ja erst, als ich mich schon eingearbeitet hatte, und ich hatte das Buch nunmal in Kairo gekauft, also sollte es nicht nur im Regal stehen.
Ich habe ohnehin die Bücher vorgeschlagen, die ich zu Hause oder in der Seminarbibliothek greifbar hatte. Nur Waldenfels fragte, warum ich denn seine zwei neuesten Bücher nicht auf der Liste hätte. Nun, so kaufte ich die mir eben auch noch dazu. Auch bin ich ein langsamer Leser und habe nur so 30-50 Seiten am Tag geschafft, je nachdem, ob ich auch noch zwei-drei Stunden Arabisch machte oder nicht. Zuletzt las ich an einem diesigen Novembertag an der Strassenbahnhaltestelle in Luckmanns „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ und hatte ca. 120 Seiten an diesem Tag geschafft (nicht alles an der Haltestelle, aber immerhin). Eigentlich hatte ich vor, diese Disziplin nach den Prüfungen aufrechtzuerhalten, eigentlich...
Wir haben uns übrigens noch gar nicht über das Anmeldeprozedere unterhalten. Ich hatte vor diesem Bürokratismus immer etwas Angst. Aber im Endeffekt ist das ganz einfach: Man geht zu Frau Deklerk  im Dekanat und bekommt von ihr eine Liste, was alles zu machen ist, und das macht man dann, fertig. Das ist wirklich keine Zauberei.

A.: Stimmt. Ich kann vielleicht noch den Tipp beisteuern, die Vorlesungen der Professoren zu besuchen, von denen man sich prüfen läßt und  ihre Schwerpunkte und Methodik kennen zu lernen. Um so genauer weiß man, worauf der Prüfer Wert legt und kann sich das Lesen irrelevanter Bücher sparen und bösen Überraschungen während der Prüfungen vorbeugen. Genau genommen beginnt die Vorbereitung auf die Magisterprüfung mit dem Tag der Immatrikulation. Mit etwas Planung und Disziplin kann man es sich wirklich recht leicht machen. Ach, wär' mir der Ernst des Lebens doch schon vorher bewusst gewesen... Hast Du - als Mann nahe der midlife crisis - noch ein paar Weisheiten für unsere Küken auf Lager?

M.: Mittlebenskrise? Sowas kann ich mir eigentlich nicht leisten, obgleich sie mich manchmal anhaucht,  wenn ich so höre, was ich alles nicht mehr werden kann, weil ich zu alt bin. Ich könnte so den Tipp, den Hutter in seinem Interview gibt, unterstreichen (siehe dort).  Man macht sich natürlich so manche Illusionen, z.B. daß man im Laufe seines Studiums dazu kommt, sehr viele Bücher neben den Hausarbeiten zu lesen. Wozu man aber kommen kann und was nicht zu unterschätzen ist, das ist der ständige Diskurs mit den Kommiliton(inn)en, sowohl in einigen Seminaren mit guten Diskussionen oder im Tutorium als auch in der Mensa, in Kneipen oder wo auch immer. Es kommen nämlich mit Sicherheit Fragen, auf die man keine klare Antwort weiß, wo es aber notwendig und auch erwartet wird, dass man während der Prüfung und während man redet, über die Sache nachdenkt und sich so logisch der Antwort annähert. Auswendiglernen ist also nicht alles, sondern aktives und kritisches Denken ist noch wichtiger. Und das lernt man am besten im Diskurs. Dafür bietet die Fachschaft ja auch den Gesprächskreis an. Des Weiteren hängt dann auch vieles von den Prüfern ab. Ich kann von Glück sagen, dass niemand versuchte herauszufinden, was ich alles nicht weiß. Das wäre ihnen ein Leichtes gewesen, aber sie wollten Gott sein Dank wissen, was ich weiß. Du hattest da leider nicht bei allen Prüfern so viel Glück, gell?

A.: Stimmt, aber vielleicht gilt hier eine weitere Volksweisheit: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Was die Prüfungsfragen angeht: In allen drei Fächern ging es nicht darum, Zahlen und Namen auswendig zu lernen, sondern grundlegende  Positionen und Essenzen zu kennen. Darüber hinaus fallen mir noch ein paar allgemeine Tipps ein: Erwartet von keinem, der noch kein Examen hat oder nie eins machen wird, Verständnis für Eure seelische Gestimmtheit. Stresst Euch nicht durch den übertriebenen Anspruch, alles wissen zu müssen, sondern macht Euch einen realistischen Plan. Nehmt Euch etwas Schönes für die Zeit nach den Prüfungen vor. Dann wird das Loch, in das Ihr nach dem Abschluss fallt, nicht ganz so tief sein (alle rufen Dir zu: „Jetzt freu' Dich doch mal“, während Du nur erschöpft bist und nicht mehr weißt, was Du mit Deinem Tag anfangen sollst, so ganz ohne Stress!).  Und noch etwas: Die Endnote im Examen interessiert viele Arbeitgeber weit weniger, als die Dauer des Studiums, und was Ihr nebenher so getrieben habt. Solltet Ihr auf Stipendien schielen und in der Wissenschaft bleiben wollen, ist allerdings ein „sehr gut“ in der Magisterarbeit äußerst ratsam. Viel Erfolg und alles Gute im Studium!

M.: Der Lateiner sagt: „Non vitae sed examinae discimus.“ Oder wie heißt das?  Nee, es ist zwar so, dass die Magisterarbeit und die Prüfungen jahrelang wie ein riesiges Gebirge vor einem stehen und dass es ein anstrengender Weg über steile Passwege ist, mit Steinschlag, Lawinen und allem was dazu gehört, also auch schönen Aussichten und sonnenbeschienenen Matten [Hast Du doch mit Heavies zu tun gehabt? A.N.] und Almen, aber man merkt dann doch recht schnell, dass die Landschaft hinter dem Gebirge auch kein Flachland ist. Es gibt weitere Hochgebirge, aber auch Mittelgebirge und sanfte Hügellandschaften [Die mittelhohen Hügel nicht zu vergessen. A.N.] und auch gefährliche Wüsten und Sümpfe. Ein bisschen mag einem die Prüfungszeit als Training dienen und auch einem zeigen, ob man auch weiterhin Lust auf ähnliche Landschaften hat oder lieber nicht. Das muss dann jeder selber wissen. Einen Tipp möchte ich noch jedem und jeder mitgeben: Heiratet! Eine glückliche Ehe ist das beste Basislager für gefährliche Expeditionen.
 
 

Zur|ck zum Inhalt von S&S 1Zur|ck zum Inhalt von S&S 1Zur|ck zum Inhalt von S&S 1
Zurück zum                                      Zurück zum                                      Zurück zur
Inhalt von S&S 10                        Anfang des Dokuments                        S&S Übersicht



Anregungen und Kritik